Solotour Oldenburg - Nürnberg ( September 1993)

Die wohl längste und härteste Radtour, die ich allein zurückgelegt habe ...

Die Route

1. Tag: Oldenburg - Bad Meinberg2. Tag: Bad Meinberg - Melsungen3. Tag: Melsungen - Fulda4. Tag: Fulda - Königsberg (in Bayern)5. Tag: Königsberg - Nürnberg

Auf der Tour habe ich in der jeweiligen Jugendherberge übernachtet. Damals war das mit 10 bis15 DM noch richtig günstig.

Tagebuch

Eine Idee

Es begann im Frühjahr '93, als Heino ankündigte, daß er im Sommer ein Praktikum bei der Nürnberger-Versicherung machen würde. Damals bemerkte ich noch im Scherz, daß ich ihn besuchen würde, sofern es zu dem Zeitpunkt meine Kondition zuließe und ich ein entsprechendes Fahrrad, das den damit verbundenen Strapatzen ausgesetzt wäre, mein Eigen nennen könnte. Doch im Laufe der Zeit ließ mich dieser Gedanke nicht mehr los. Er bohrte sich immer tiefer in meinen Kopf, bis es nicht mehr ein reines Phantasie- gespinst war, sondern ein reales Ziel. Als es auf die Semesterferien hinzu- ging und Heino sich auf seine Reise in den südlichen Teil des Landes begab, kündigte ich ihm meinen Besuch an, sofern ich mir bis dahin ein neues Zweirad leisten könnte.
Die Semesterferien begannen und ich war verzweifelt auf der Suche nach einem Job. Die Chancen standen auf einmal wieder ziemlich schlecht. Doch dann, eher als erwartet, ergab sich doch noch eine Möglichkeit, an das benötigte Vermögen heranzukommen - der Job im Supermarkt. Verbunden damit war aller- dings ein sehr streßiger Monat August, in dem ich mich über Langeweile wahrlich nicht beklagen mußte.
Doch Alles hat ein Ende, so auch diese Tortour. Schließlich kehrte ich am 1. September wieder in mein kleines Domizil in Oldenburg zurück. Um meinen Plan zu realisieren hatte ich nicht mehr viel Zeit - Heino war nur noch bis zum 17. in der Ferne und ich hatte nicht einmal den erforderlichen fahrbaren Untersatz. Hinzu kam, daß ich zwar einen Monat lang gearbeitet hatte, aber ich keinen blassen Schimmer hatte, wann ich denn die entsprechende Gegen- leistung erhalten würde. Aber das war erst einmal Nebensache - das Wichtigste war jetzt, ein neues Fahrrad zu finden, das nicht einfach nur seinen Zweck erfüllt (dafür hatte ich ja noch mein gutes, altes und treues Herkules-Rad), sondern auch ganz meinen Wünschen und Bedürfnissen entspricht. Ein Rad also, das so gut zu mir paßt, wie z.B. ein paar Schuhe. Doch das war gar nicht so einfach. Es vergingen Tage und es waren einige Rückfragen erforderlich, bis ich überhaupt etwas von dem verstand, was mir die Verkäufer da für Begriffe an den Kopf schmissen. Nach einer halben Woche schließlich standen drei Räder zur Auswahl. Jedes hatte seine Vor- und Nachteile. Es kostete mich eine schlaflose Nacht, um herauszufinden, welches das richtige für mich war. Die Entscheidung war gefallen. Gleich am darauf- folgenden Tag ging ich zum Händler und machte den Kauf perfekt. Es waren zwar noch ein paar Modifikationen notwendig, damit es wirklich meinen Vorstellungen entsprach, aber das konnte geklärt werden. Schließlich war es soweit - am Montag, den 6. September, konnte ich meinen Traum abholen. Leider war ich finaniell immer noch nicht wieder im Klaren, aber das ließ sich jetzt nicht mehr verhindern. So nahm ich ein gewisses Defizit auf meinem Konto in Kauf. Aber wie sich herausstellte, sollte das noch nicht alles gewesen sein. Eine erste Probefahrt machte schnell deutlich, daß da etwas nicht stimmte - der Lenker. Enttäucht mußte ich feststellen, daß ich auf dem neuen Rad viel schlechter saß, als auf dem alten. Das Fahrrad mußte also wieder zurück. Der Lenker war nicht so, wie ich es mir gedacht hatte und der Vorbau war für meinen Körperbau ein wenig zu groß. Nun wurde aber auch die Zeit so langsam knapp, da ich noch die ganze Tour vor mir hatte und auch noch ein paar Tage in der entfernten Stadt verbringen wollte. Geplant hatte ich den Start für Mittwoch oder Donnerstag, je nach Wetterlage. Nun allerdings mußte ich den Start auf Donnerstag oder Freitag verlegen. Am Mittwoch bekam ich dann mein Fahrrad zum zweiten Mal. Aber noch bevor ich darauf fuhr wußte ich, daß es diesmal stimmte und ich mich richtig entschieden hatte. Ein Zurück gab es auch nicht mehr - zum einen wegen dem Zeitdruck und zum anderen, da für den Lenkerumbau die gesamten Bowndenzüge gekürzt werden mußten. Leider war es nicht ganz fertig - ich hatte noch ein anderes Kettenblatt vorne haben wollen, aber leider war das zur Zeit nicht verfügbar. So mußte mich also mit einem maximalen Übersetzungsverhältnis von 48:12, statt 50:12, zufriedengeben (bisher waren es 48:14). Nach ein paar Proberunden war der Lenker, sowie Brems- und Schalthebel korrekt eingestellt. Nun konnte die Tourvorbereitung beginnen.
Von Hendrik besorgte ich mir die Satteltaschen und einen großen Sack - allesamt wasserdicht (was sich noch als vorteilhaft herausstellen sollte). Dann besorgte ich mir die nötigen Fahrradkarten und stellte eine Packliste auf. Damit war der Mittwoch auch um. Da ich nicht zu sehr hetzen wollte, legte ich den Start endgültig auf Freitagfrüh fest - egal was da noch kommen möge. Der Donnerstag war nun teils mit Einkäufen, teils mit Streckenplanung, teils mit Fahrradcheck und teils mit psychischer Vorbereitung erfüllt. Alles war besorgt, der Tachometer war montiert, das Schloß hatte bei der Montage den ersten Kratzer im Lack verursacht, ein kleiner Besuch bei der Polizei war getätigt, ein Foto wurde noch kurz geschossen und dann begann die Packerei. Am Abend standen die Taschen halb gepackt in der Ecke. Die Route hatte sich inzwischen in meinen Kopf gebrannt. Da lag ich nun und fing an, an meinem Verstand zu zweifeln. War das alles gut überlegt? Sollte ich es trotz des schlechten Wetters in den letzten Tagen wagen? Ich hatte nicht einmal eine richtige Probefahrt mit dem Rad unternommen. War ich überhaupt fit für so etwas? Was ist wenn eine Panne auftritt? Noch nie zuvor hatte ich eine ähnliche Tour alleine gemacht. Sollte ich das ganze nicht lieber wieder absagen? Nein! Dafür war es nun zu spät. Es gab kein Zurück mehr. Nur noch wenige Stunden lagen vor mir, die ich im behaglichen heimischen Bett verbringen konnte. Wann würde ich wohl wieder unter dieser Decke liegen?

Der erste Tag

Sehr früh am Morgen meldete sich der Wecker. Da ich jedoch bereits seit einiger Zeit wach war, war dies nur ein Zeichen für mich, daß ich nun aufstehen mußte. Noch nicht ganz bei der Sache zog ich mich gemächlich an und erledigte meine morgendliche Toilette. Danach folgte ein spartanisches Frühstück, denn viel bekam ich nicht herunter - ein leichtes Kribbeln entwickelte sich in der Magengegend, das Ursache für einen gemäßigten Appetit war. Mit sanften Radioklängen im Ohr vollendete ich den Vorgang des Packens. Immer wieder fiel mir etwas ein, das unbedingt mit mußte und immer wieder war eigentlich dafür gar kein Platz. Schließlich hatte dies aber ein Ende gefunden und ich konnte mich um die Verpflegung kümmern. Als auch das erledigt war und ich noch einmal kurz an meinem Verstand gezweifelt hatte, begann ich das Fahrrad zu bepacken. Erstaunlicherweise fiel das Rad dabei nicht um. Später mußte ich feststellen, daß ich doch etwas zuviel mitgenommen hatte. Allein die 'Nutzlast' war schon nicht allzuwenig: ein bis zwei Kilo Äpfel - selbst gepflückt, sowie ein wenig Literatur, die ich kaum vor die Nase bekommen habe. Außerdem hatte ich ein wenig zuviel Klamotten mit. Zu guter letzt war ich ein wenig übervorsichtig, was meinen Getränkevorrat anging: ca. 4 Liter Flüssigkeit war igendwo unter dem ganzen Gepäck verborgen. Natürlich war auch ausreichend Nahrung an Bord - nur für den Fall, daß ich mal nicht zum Einkaufen kommen sollte. Alles in allem waren es wohl irgendwo zwischen 15 uns 25 Kilogramm, die das Hinterrad ertragen mußte. Dies war der 'entlastete' Zustand!
Aber das war jetzt egal. Nachdem der Müll die Wohnung verlassen hatte und dort alles für eine längere Abwesenheit vorbereitet war, folgte nochmals eine letzte Funktionsüberprüfung aller wesentlichen Teile. Nun endlich konnte es losgehen. So verließ ich das Haus in der Auguststraße in aller Frühe und Kälte. Das erste Ziel war Christian. Nachdem der Schlüssel seinen Weg in den Brief- kasten gefunden hatte gab es kein Zurück mehr. Die Tour hatte begonnen!
Langsam brachte ich mein Gefährt wieder in Bewegung. Noch etwas behutsam steuerte ich den Süden Oldenburgs an und verließ die Stadt, die mir inzwischen eine Heimat geworden war. Das geplante Ziel für den ersten Tag war Paderborn. Doch zunächst bewegte ich mich auf bekanntem Terrain - der Strecke Oldenburg - Dümmer See. Hier, außerhalb der Stadt und auf der freien Straße, wagte ich das erste mal, etwas kräftiger in die Pedalen zu treten. Ziemlich ungewohnt waren dabei die Hacken, die mich schon in der Innenstadt an jeder Ampel befürchten ließen, daß ich diese nicht heil erreichen würde. Aber glücklicherweise sollte ich damit, zumindest vorerst, keine Probleme bekommen. Da für den frühen Nachmittag Regen angesagt worden war, war ich daran interessiert, bis dahin möglichst weit zu kommen. Doch kurz vor Vechta machte sich der Magen bemerkbar, was unmittelbar Auswirkungen auf die Kondition hatte. Außerdem stellte ich fest, daß der Sattel nicht besonders optimal eingestellt war. So machte ich eine kurze Pause nach nunmehr zwei Stunden Fahrt. Schon zweifelte ich daran, überhaupt die erste Etappe zu schaffen. Auch der Himmel sah mit einmal nicht mehr so rosig aus. Dann stellte ich auch schon die erste 'Panne' fest: Am Vortag hatte ich die Klingel an eine andere Position gesetzt und beim Anschrauben wohl etwas zu fest gezogen. Jedenfalls war der Ring, der nur aus Plastik bestand, gebrochen. Gleich kamen gewisse Zweifel auf, was die Qualität des Fahrrades betraf. Aber damit war mir jetzt nicht geholfen. Kurzerhand fixierte ich dieses Problemkind mit etwas Isolierband und hoffte, daß es mich nicht weiter belästigen würde. Bei der Gelegenheit stellte ich den Sattel auch noch etwas höher. Nachdem ich ein zweites Frühstück zu mir genommen hatte und die Hose gegen einen Shorts getauscht war, ging die Fahrt weiter. So langsam gewöhnte ich mich an die Art zu schalten und an die Art zu bremsen, was ja hin und wieder mal ganz wichtig ist. Während ich also mich mit meinem Untersatz vertraut machte, zogen schwere und nicht gerade helle Wolken auf. Es dauerte nicht lange und ich bekam eine Gratisdusche. Erst als es schlimmer wurde und ich das Wetter ein dutzend mal verflucht hatte, entschloß ich mich, das Regencape anzuziehen. Danach ging es deutlich gemächlicher weiter. Keine zehn Minuten später hatten die Wolken keine Lust mehr und machten eine Pause. Doch denen kann man nicht so einfach trauen, dachte ich so bei mir, und strampelte weiter in meinem Cape. Doch mit der Zeit war es darunter ebenso feucht, wie zuvor im Regen. Also befreite ich mich von dieser Last und machte mich erleichtert wieder auf den Weg. Aber die Freude war nur von kurzer Dauer - ein paar Minuten darauf hatten sich die flockigen Gebilde erholt und begannen wieder ihren Inhalt in Strömen über mich zu ergießen. So wiederholte sich diese Prozedur aufs Neue. Auf diese Weise vergingen die nächsten Stunden. Schließlich verließ ich den bekannten Pfad, der hier am See endete, und fuhr geradeaus weiter in unbekannte Regionen, weiter 'gen Süden. Nicht lange danach verließen mich erneut meine Kräfte und ich steuerte den Stemweder Berg an, ein erstes Zeichen dafür, daß ich den Norden verließ. Dort angekommen suchte ich ein angenehmes Plätzchen im Wald, wo ich hoffte, vom Regen ein wenig geschützt zu sein. Leider war das nich so ganz der Fall, was die Pause nicht sehr angenehm gestaltete. Nachdem die Reste vom Vorabend ihren Weg in den Magen gefunden hatten, rollte ich mich in das Cape ein und schlummerte ein wenig vor mich hin. Dabei genoß ich es, dem Plätschern des Regens zuzuhören. Gerade bei solch einem Wetter kann ein Wald doch recht behaglich sein.
Doch auch die längste Rast hat ein Ende und so machte ich mich wieder daran, die Sachen zu verstauen. Leider hatte sich das Wetter in der Zwischen- zeit nicht wesentlich verbessert. Zum Glück war es nur ein leichter Nieselregen. So ging die Fahrt weiter über den Mittellandkanal, an dem ich nicht vorbei konnte, ohne die Aussicht genossen zu haben, bis Preuss. Oldendorf. Dort studierte ich nochmals die Karte und beschloß schon vor Paderborn nach Links, also in Richtung Osten, abzubiegen und direkt in Richtung Kassel zu treten. Der Tag war inzwischen auch schon etwas vortge- schritten und es wurde Zeit, eine Jugendherberge ausfindig zu machen. In Herford steuerte ich deshalb die erste Telefonzelle an und meldete mich in der Herberge Horn-Bad Meinberg an. Bis sieben Uhr, dachte ich, würde ich wohl dort sein. Wieder begann das mühselige Strampeln, aber es ging gut voran. Doch dann, kurz nach Bad Salzuflen, fing es in Stömen an zu regnen. Die Karte zeigte bereits erste Auflösungserscheinungen. Es hatte keinen Zweck, ich mußte erst einmal Schutz suchen. Mein Zeitplan war nun völlig durcheinander. Jetzt mußte ein kleiner Imbiß her. Dann war es unumgänglich, die komplette Regenmontour anzuziehen. Kurze Zeit später rollten die Räder wieder. Es begann eine reine Durchhalte- tour. Irgendwann, viel viel später, erschien im Scheinwerferlicht das Ortsschild. Nun war es nicht mehr weit. Aber wo war die Herberge? Nachdem ein paar Leute gefragt waren, kam ich dort, ziemlich erschöpft, kurz nach acht Uhr an. Ich traf gerade noch den Zivi an, der sich schon in sein Auto setzen wollte. Er hatte schon nicht mehr mit mir gerechnet. Das hätte schief gehen können! Nun, da ich mich ein wenig gefangen hatte, zeigte er mir mein Zimmer und erklärte mir, daß ich in dieser Nacht der einzige Gast sei und er auch gleich verschwinden würde. Aber mir war jetzt alles egal. Nicht viel später waren die Sachen im Zimmer und der Rest, der von mir übrig geblieben ist, befand sich auf dem Bett. Ein Blick auf den Tacho verriet mir, daß ich an diesem Tag 190 Kilometer zurückgelegt hatte - doch etwas mehr, als ich bisher gewohnt war. Zum Ausruhen war jetzt aber noch keine Zeit. Wider Willen machte ich mich auf und schleppte mich zu den Duschen. Das heiße Wasser war genau das, was ich jetzt brauchte. Danach ging es mir schon wieder etwas besser. Nun konnte ich in aller Ruhe ein wenig essen und mir den nächsten Abschnitt der Strecke unter die Lupe nehmen. Es sollte weiter in Richtung Kassel gehen - an die Fulda, doch meine Muskeln waren da ganz anderer Meinung. Die wollten sich erst einmal eine Woche lang erholen. Vielleicht hatte ich mir doch ein wenig zu viel zugemutet. Schließlich war es der erste Tag auf einem unbekannten Fahrrad gewesen. Sicherlich hatte es seine Vorzüge, aber dennoch war es gewöhnungsbedürftig. Nachdem der letzte Happen in der Dunkelheit verschwunden war, breitete ich die Karte, sowie die anderen Sachen, zum Trocknen aus und begab mich in das schöne, weiche, gemütliche, warme und behagliche Schlafmöbel.

Die ersten Hügel

Am nächsten Morgen wachte ich recht früh auf. Die Nacht war nicht ganz so erholsam, wie ich es mir erhofft hatte. Dennoch, als ich noch im Bett lag, konnte ich es kaum noch abwarten wieder auf dem Fahrrad zu sitzen. Der zweite Gedanke galt dem Wetter. Meine erste Tat bestand darin, das Bett zu verlassen und einen Blick aus dem Fenster zu riskieren - und was sah ich: Herrlich, der ganze Himmel war erfüllt von einer einzigen Farbe: Grau. Zum Glück war es im Moment trocken, aber würde das so bleiben? Mit dem Wissen, daß ich daran sowieso nicht ändern könnte, machte ich mich daran, meine Person und das Gepäck wieder reisefertig zu machen. Dann war es Zeit für das Frühstück. Das brachte mir der Herbergsvater persönlich auf einem Tablett, wirklich ein seltener Zustand. Dann unterhielt er sich ein wenig mit mir und machte daraufhin die Rechnung fertig. Derweil genoß ich das ausgiebige Nahrungsangebot, jedenfalls kam es mir so umfangreich vor. Nun war ich für das Kommende gewappnet. Bevor es aber richtig losging, mußten ersteinmal die Vorräte aufgefüllt werden. Nach dem Einkauf ging es dann endlich wieder weiter. Obwohl ich ganz gut voran kam, wünschte ich mir, daß ich nicht soviele Sachen mitgenommen hätte, aber dafür war es nun ja ein wenig spät. Die Fahrt ging jetzt über Bad Driburg weiter 'gen Süden. Das war auch daran zu merken, daß immer mehr Erhebungen sich am Horizont bemerkbar machten. Hin und wieder ging es deutlich berauf, dafür aber auch immer wieder mal herunter. Doch ganz so locker verlief die Fahrt nicht, da einige Muskel ziemlich deutlich spürbar waren.
Am Nachmittag, als meine Kondition mal wieder sprunghaft nachließ und ich eine kleine Pause machte, beobachtete ich die Wolken. Es war ein echtes Schauspiel, das sie dort vollzogen, wie sie ihre Formen wechselten, sich teilten oder neue Gebilde schufen. Als ich den Blick dann etwas wandern ließ, stellte mit Entsetzen fest, daß aus einer Richtung ein ziemlich dunkles und recht monströses Gebilde aufzog. Der Windrichtung nach zu urteilen, steuerte es direkt auf mich zu. Sofort raffte ich mich wieder auf und hoffte, dem drohenden Unheil entkommen zu können. Doch gegen diese Naturgewalten war ich einfach machtlos. Es dauerte keine Stunde und es fing, wie am Vortag, an in Strömen zu regnen. Auch an diesem Tag war ich dem feuchten Element nicht entkommen oder folgte es mir? Erneut begann das Spiel mit der Regenkleidung. Dieses Wetter konnte einem jeden Spaß verderben! Als ich dann so im Regenzeug auf dem Radweg dahinfuhr, kam irgendwann einmal eine Fußgängerin in Sicht. Kein Problem, dachte ich und wollte die Klingel betätigen. Nur als mein Finger diese erreichte, rutschte sie nach unten weg - das Isolierband hatte sich gelockert. Es war praktisch unmöglich, in dem Regencape die Klingel wieder zu 'suchen' und es waren nur noch ein paar Meter bis zur Katastrophe. Meine einige Chance bestand darin, zu bremsen. Doch auch die waren unter diesen Umständen nicht so leicht zu finden. Schließlich klappte es aber doch noch und ich wurde langsamer. Dabei merkte ich zu spät, daß ich dem Kantstein recht nahe gekommen war und so konnte ich es nicht mehr verhindern, daß das Hinterrad darüber hinaus rutschte. Ein Sturz war unvermeidlich. Panikartig versuchte ich mich mit den Füßen abzustützen, doch mit denen blieb ich in den Hacken hängen - ein sehr unangenehmes Gefühl. Und so landete ich nach schier endlos wirkenden Sekunden auf der Straße. Zum Glück federten die prall gefüllten Satteltaschen den Sturz ab, so daß nichts passiert war. Nachdem ich noch ein kurzes Kommentar mir gegenüber abgelassen hatte, woraufhin sich die Passantin kurz umdrehte, ging die Fahrt weiter.
Am späten Nachmittag dann war es wieder Zeit, sich eine passende Unterkunft zu suchen. So beschloß ich, die Tages-Tour in Melsungen zu beenden. Hinter Naumburg äderte ich deshalb wieder die Richtung und radelte ein Stückchen 'gen Osten. Die Wolken hatten sich inzwischen ausgetobt - die Fahrt konnte also etwas krampffreier weitergehen. Dafür machten sich aber die ersten Ermüdungserscheinungen bemerkbar. Zu meinem Pech befand sich Melsungen auch noch hinter einem nicht ganz so kleinen Berg, was ziemlich viel Kraft kostete. Jetzt spürte ich jeden Muskel und merkte, wie sie meine letzten Reserven aufbrauchten. Trotzdem war ich nie völlig am Ende - nach einer kurzen Entspannungsphase war immer etwas 'Saft' zur Verfügung, um wieder ein wenig zu powern. Schließlich hatte ich die Bergkuppe erreicht. Die Schwierigkeit lag nicht unbedingt in der Steigung, sondern vielmehr daran, daß sie so ewig lang war und ich eine Bundesstraße gewählt hatte, auf der nicht gerade wenig Verkehr war. Aber das war nun egal - bis Melsungen ging es von nun an nur noch bergab! Hiervon beflügelt mobilisierte ich nochmals alle Kräfte und beschleunigte ein wenig, so daß ich die verbleibenden sieben Kilometer mit ca. 50 km/h zurücklegte - ein total irres Feeling. Aber es ist schon etwas anstrengend, so zu fahren, da man sich ganz auf die Fahrbahn konzentrieren muß und recht empfindlich auf überholende Autos reagiert.
Wenige Minuten später war dann alles wieder vorbei. Gleich hinter dem Ortseingang befand sich eine recht große Ortskarte, die ich nur deshalb nicht verfehlte, weil ich die Bremsen einem extemen Test unterzog. Sie haben ihn bestanden - mit meinem alten Bike und dem Gepäck wäre ich daran vorbei gebrettert. Nachdem das endgültige Tagesziel ausgemacht war, ging es weiter in die Innenstadt. Unglücklicherweise stellte sich heraus, daß die Herberge auf einem Berg lag, der es in sich hatte. Also begann das Strampeln von Neuem. Nun, wirklich ziemlich am Ende, erreichte ich ein Gebäude, daß ich für mein nächtliches Domizil hielt. Sicher war ich aber nicht, und da es noch ein kleines Stück von der Straße ab war, fragte ich zwei Mädchen, die da herumstanden, ob das denn hier die Jugendherberge sei. Auf englisch und französisch bekam ich dann die Antwort, daß sie mich nicht so ganz verstehen würden. Also, versuchte ich es auf englisch. Leider fiel mir das Wort für Jugendherberge nicht ein, und deshalb stammelte ich etwas von 'Is this the Youth, äh ...'. Daraufhin redeten sie wieder auf mich ein, diesmal so, glaubte ich, auch noch auf italienisch. Da ich nicht mehr die Puste hatte, jetzt noch großartige Konversationen zu führen, sagte ich nur noch soetwas wie 'I want to sleep here.'. Nun dachten sie wahrscheinlich, ich hätte überhaupt keine Ahnung, und so führten sie mich zur Anmeldung. Dort versuchten sie dem Zivi mitzuteilen, daß ich denn einen Schlafplatz haben wolle. Das verlief aber nicht besonders erfolgreich, da sie wohl selber Schwierigkeiten mit den Fremdsprachen hatten (ich glaube sie gehörten einer Reisegruppe von Jugoslaven an). Schließlich übernahm ich selbst die Initiative und bekam mein Zimmer. Obwohl der Lautstärkepegel in dem Haus sehr hoch war, hatte ich ein relativ ruhiges Zimmer - direkt unter dem Dach. So, da hatte ich nun auch den zweiten Tag geschafft, diesmal allerding nur ca. 135km. Aber zum einen war ich nicht solange unterwegs gewesen und zum anderen waren an diesem Tag bereits einige kleine Berge 'im Weg'. Nach dem Duschen und Essen fassen legte ich meine Klamotten zum trocknen aus. Die Karte hatte sich schon fast völlig aufgelöst. Zum Glück brauchte ich sie am nächsten Tag nicht mehr. Dann schrieb ich schon mal die erste Karte und machte mich alsbald auf dem Bett breit.

Ein herrlicher Tag, oder?

Am nächsten Morgen wachte ich wieder recht früh auf. Auch an diesem Tag konnte ich es kaum abwarten wieder die zwei Räder unter mir rollen zu lassen. Voller Spannung ging ich zum Fenster, in der Hoffnung, daß das Wetter erbamen mit mir haben würde - und ich wurde nicht enttäuscht. Der Blick, der sich mir bot, war herrlich. Eine Landschaft, die langsam wieder zum Leben erwachte. In der Nacht hatte es noch geregnet, was nun den Eindruck der Frische verstärkte. Vor dem Frühstück schaute ich nochmal auf die Karte. Die Fahrt sollte bis Fulda direkt an der Fulda entlangführen, dann weiter in Richtung Osten bis Bad Neustadt und dann nach Süden an den Main. So setzte ich mir das ehrgeizige Ziel Schweinfurt zu erreichen und hoffte auf diese Weise Nürnberg doch noch in vier Tagen zu schaffen. Vor der Abfahrt rief ich dort nocheinmal an, um sicherzugehen, daß ich einen Schlafplatz bekommen würde. Man merkte sofort, daß da ein Bayer sprach. Bevor er mir antwortete, fragte er mich, wie alt ich denn sei, da die Jugendherbergen in Bayern nur Junioren aufnehmen. Als ich dann erzählte, daß ich mit dem Fahrrad kommen würde und mich jetzt etwas südlich von Kassel befinden würde, meinte er nur, daß das viel zu weit sei, vor allem, weil da noch die Rhön vor mir lag. Außerdem habe die Jugendherberge an diesem Tag geschlossen. Somit mußte ich also wieder umplanen, aber das wollte ich auf der Fahrt entscheiden. Der erste Teil der Tour ging durch unbekanntes Terrain - ich hatte für ca. 10km keine Karte. Aber das war nicht weiter schlimm, da ich nur der Fulda folgen mußte. Anfangs lief es nicht ganz so gut wie geplant. Ich hatte gehofft, die Strecke Melsungen - Fulda zügig zurückzulegen - aber so nach und nach wurde es besser. Inzwischen wurde es wärmer und ich konnte wieder auf angenehmere Kleidung wechseln. Am Himmel war kaum eine Wolke zu erblicken, wirklich ein ideales Wetter.
In der Nähe von Rotenburg begegnete ich dann einem anderen Radler, der mal so eine kleine Spritztour nach Fulda machen wollte. Er hatte wohl zwar schon eine Dekade mehr als ich auf dem Buckel, wirkte aber recht durchtrainiert. Wir fuhren eine Zeit lang zusammen. Da er ein gutes Tempo vorlegte (ca. 30km/h), kamen wir schnell voran. Er erzählte mir, daß er Fulda übers Gebirge erreichen wolle. In Hinblick auf mein Gepäck empfahl er mir aber einen leichteren Weg, der an der Fulda entlang führte. Nachdem er mir den Weg grob beschrieben hatte, verabschiedeten wir uns kurz vor Bad Hersfeld. Dort angekommen fing ich an, nach dem Weg zu suchen. Ich wußte nur, daß ich die Fulda überqueren mußte. Auf der anderen Seite dann ging es nur bergauf und ich hoffte, bald einen Weg wieder runter zum Flußufer zu finden. Einer Straßenkarte an einer Bushaltestelle nach ging von einer Seitenstraße ein Weg zum Fluß ab. So strampelte ich die recht steile Straße weiter nach oben. Als ich dann in der entsprechenden Straße ankam, mußte ich feststellen, daß es eine Sackgasse war. Also fuhr ich dort wieder heraus und steuerte die nächsten, höher gelegenen Abzweigungen an. Eine Weile später überholte ich ein altes Muttchen, daß mir zusah und dann bemerkte: 'Das ist aber eine Leistung.' Da sonst niemand in der Nähe war, fragte ich sie, wie ich von hier an die Fulda kommen würde. Daraufhin meinte sie, daß auch dieser Weg eine Sackgasse sei und ich den ganzen Berg wieder herunterfahren müßte. Das war wirklich ein freudiges Gefühl, das in diesem Moment in mir aufkam! Es blieb mir also nichts anderes übrig, als die schwer erarbeiten Meter aufzugeben und einen anderen Weg aus diesem Labyrinth zu finden. Halb unten bog ich in die Straße ein, von der ab ein Weg zum Fluß führen sollte. Doch dort angekommen meinte ein Ehepaar nur, daß es zwar den Weg gibt, ich wohl aber mit meinem Fahrrad da nicht runter könnte. So fuhr ich ganz herunter und bog dann in ein Gelände ein, daß für Motorcross-Rennen ausgeschildert war. Aber auch das erwies sich als Flopp. Schließlich schickten die mich dann noch weiter zurück, bis ich eine Brücke erreichte. Nachdem ich sie überquert hatte ging es endlich wieder in die richtige Richtung, allerdings war ich nicht ganz sicher, ob ich die Fulda oder irgendeinen Nebenarm überquert hatte. Endlich war ich wieder auf dem richtigen Weg und meine miese Laune verzog sich bald, zumal das Wetter eher noch besser wurde. Doch die Freude war von kurzer Dauer. Nicht viel später fing die Gangschaltung mit einmal an zu spinnen. Da ich nicht schon wieder eine Verzögerung in kauf nehmen wollte, versuchte ich, die Störung während der Fahrt zu beheben. Unglücklicherweise war ich noch nicht so besonders vertraut mit den kleinen Schräubchen. So verwechselte ich Vorne mit Hinten und den Schaltzug mit dem Bremszug.
Es dauerte nicht lange und ich hatte so ziemlich alles verstellt, was man überhaupt verstellen konnte. Zum Glück war die Bremse nicht so stark beeinträchtigt, ebenso der vordere Zahnkranz. Der hintere Zahnkranz spielte jetzt jedoch vollkommen verückt. Ich konnte weder alle Gänge schalten noch konnte ich vermeiden, daß die Kette ständig zwischen zwei Stellungen wechselte. Man kann sich denken, daß ich inzwischen ziemlich genervt war, zumal ich nun immer wieder anhalten mußte, um die Schrauben provisorisch zu justieren. Es dauerte nicht lange, und mir platzte der Kragen. Der nächste Feldweg wurde angesteuert und eine vorzeitige Mittagspause einzulegen und um die Schaltung wieder gangbar zu machen. So ging ich das Problem nochmals in Ruhe an und - siehe da - es funktionierte wieder. Dann machte ich meine Pause, bis ich den ständigen Andrang der Mücken nicht mehr ertragen konnte. Nun ging es zügig voran, ich wollte die verlorene Zeit wieder aufholen. Aber es dauerte keine Stunde bis sich das nächste Problem entpuppte. Nachdem ich durch einen Ort durchgefahren war und an eine Kreuzung kam, wußte ich nicht genau, in welche Richtung ich nun fahren müßte. Also schaute ich auf die Karte. Entsetzt stellte ich fest, das keiner der vor mir liegenden Orte auf der Karte zu finden war - auch nicht der Ort aus dem ich kam. Da aber mein Verstand mir sagte, daß das nicht möglich war, versuchte ich logisch zu denken und sah mir auf der Karte nun auch die Gebiete an, die nicht direkt auf meiner Route lagen. Es stellte sich heraus, daß ich in Niederaula falsch abgebogen war und mich jetzt kurz hinter Kirchheim (ca. 10km in nordwestlicher Richtung) befand, sprich: total falsch. Die ganze Stercke durfte ich also nocheinmal machen. Zu diesem Irrtum kam es, da ich, um Zeit zu sparen, mich nur daran orientiert hatte, daß ich erst unter der Eisenbahn und dann unter einer Autobahn hindurchfahren mußte. Unglücklicherweise war das auch in dieser Richtung der Fall gewesen, außerdem war ich seit Bad Hersfeld auf der falschen Seite der Fulda gefahren, so daß mir nicht auffiel, daß ich nach Westen abbog, denn dazu hätte ich, wäre ich richtig gewesen, die Fulda überqueren müssen und das hatte ich ja nicht. Nun war meine Motivation, eine große Strecke zurückzulegen, praktisch am Nullpunkt angelangt. Dennoch fand ich jetzt den richtigen Weg, der mich mit seiner Schönheit ein wenig entschädigte. Kurz vor Schlitz fuhren dann ein paar Jugendliche vor mir herum. Als ich näher kam und klingelte, machten sie keine Anstalten, darauf zu reagieren, sondern demonstrierten mir offen, daß sie sich einen Scherz mit mir erlaubten. Aber ich hatte keine Lust, mich darüber aufzuregen und so fuhr ich geradewegs durch die Gruppe durch, wobei ein oder zwei von ihnen ein wenig Probleme mit ihrem Gleichgewicht bekamen. Nun waren sie ziemlich aufgedreht und ich merkte, wie sie Anstalten machten, mir zu folgen, um mir diese Tat heimzuzahlen. Mehr aus Angst um mein Fahrrad als um mich selbst begann ich kräftiger in die Pedalen zu treten, jedoch nicht zu übermäßig, damit ich diese Geschwindigkeit zumindest so lange beibehalten konnte, bis sie außer Sichtweite sein würden. Dabei dachte ich bei mir, daß es ja eigentlich von Vorteil war, denn nun war meine Reisegeschwindigkeit ganz angenehm. Meine Verfolger hingegen sahen nach kurzer Zeit ein, daß ihr Vorhaben nicht von Erfolg gekrönt sein würde und widmeten sich wahrscheinlich wieder dem Belästigen von anderen Radfahrern. Es war nicht mehr weit bis Fulda, als das Gelände wieder hügeliger wurde. Da bemerkte ich einen leichten Schmerz in meiner rechten Archillesverse, dem ich allerdings nicht viel Bedeutung schenkte. Als dieser jedoch immer stärker wurde, war ich gezwungen eine Pause einzulegen. Aber auch nach einer Ruhephase trat keine Änderung ein. So beschloß ich, die Tour für heute vorzeitig abzubrechen und nur bis Fulda zu fahren. Wie sich zeigte, war das schon schwer genug. Nur noch ein paar Kilometer lagen vor mir, doch die Schmerzen waren inzwischen unerträglich stark geworden, so daß das Treten die reinste Tortour war. Nach einer schier endlos wirkenden Suche nach der Jugendherberge fand ich sie schließlich - wieder auf einem (kleinen) Berg. Es war erst fünf Uhr und ich hoffte nur, daß die Anmeldung überhaupt schon auf hatte, aber diesmal hatte ich Glück. Als ich das Gebäude betrat, stellte ich fest, daß mir auch das normale Laufen ziemlich schwer fiel. Leider hatten die keine Salbe für mich, womit ich diesen Zustand hätte mildern bzw. bessern können und so begnügte ich mich damit, auf anraten meiner Mutter, die bewußte Stelle zu kühlen, was für den Moment wahre Wunder bewirkte. Zu meinem Pech hatte ich an diesem Abend kein Zimmer für mich allein, was bedeutete, daß ich mich in meinem Platzbedarf ziemlich einschränken mußte. Heino hatte ich bereits meine Ankunft mitgeteilt, sowie meine derzeitige mißliche Lage. Falls sich der Zustand bis zum nächsten Morgn nicht bessern würde, so beschloß ich, würde ich den Rest der Tour mit dem Zug zurücklegen. Die Tagesbilanz war ziemlich ernüchternd. An diesem, für eine Radtour geradezu idealen, Tag hatte ich nur knapp 130km zurückgelegt. Wenn ich nicht soviel Pech gehabt hätte, hätte es ein neuer Tagesrekord werden können. Aber das war jetzt egal. Jedenfalls wußte ich nun, daß noch zwei Tage mit dem Fahrrad oder ein Tag mit dem Zug vor mir hatte, wobei, wenn ich mich für das Fahrrad entscheiden würde, der schwerste Teil noch vor mir lag.

Die Rhön

Irgendwann ertönte meine Uhr, was bedeutete, daß die Ruhephase nun ein Ende hatte. Zugleich machte ich mich auf den Weg in den Waschraum. Dabei stellte ich fest, daß sich die Zerrung etwas gebessert hatte, aber nicht unbedingt schmerzfrei war. Nach dem Frühstück, bei dem mir eine Gruppe von Finanzbeamten oder Versicherungsangestellten aufgefallen war, die dort in ihren Anzügen saßen und zu Teil ziemlich merkwürdige Witze rißen, ging es wieder los. Wichtig war jetzt nicht nur einzukaufen, sondern auch eine Apotheke zu finden, wo ich eine Salbe bekommen konnte. Zuerst wollte ich aber aus Fula raus in Richtung Eichenzell. Dabei bin ich dann ganz ahnungslos auf die Bundesstraße B27 gefahren, da sich dies für ein kurzes Stück anbot. Kaum war ich auf der Straße, als mich ein Schaudern überkam - es war zwar eine Bundesstraße, hatte aber eher den Charakter einer vierspurigen Autobahn. Das ganze war versehen mir riesigen Lärmschutzwänden und Leitplanken. So trat ich zügig in die Pedalen, um diesen Ort schnell zu verlassen. Möglichst weit außen auf dem Standstreifen glaubte ich mich sicher vor den vorbeirasenden Autos und zahlreichen Brummis. Als ich schließlich die Ausfahrt erreichte war ich doch erleichtert. Was ich aber erstaunlich fand war, daß diese Straße für Radfahrer nicht gesperrt war. Das nächste größere Ziel hieß nun Ebersburg, doch allzuleicht war der Weg nicht zu finden. In einem kleinen Dorf schließlich, als ich kurz anhielt, um mich an Hand der Karte zu orientieren, kam eine Eingeborene Greisin auf mich zu und fragte, ob sie mir denn helfen könne. Dann erzählte sie mir mindestens ein dutzend mal den besten Weg in nächste Dorf. Schließlich bedankte ich mich und fuhr in die angegebene Richtung. Die Beschreibung war bis zum Ortsausgang ziemlich präzise gewesen, doch dann, auf weiter Flur, hatte ich Schwierigkeiten, die richtige Abzweigung zu finden. So fuhr ich einfach drauf los und mußte erkennen, daß doch nicht alle Wege ins nächte Dorf führten. Dennoch war der Anblick der umliegenden Landschaft einen längeren Aufenthalt wert, aber ich wollte ja weiter. Da man die Feldwege nicht ganz überblicken konnte, fuhr ich einfach in die Himmelsrichtung, in der ich mein Ziel erhoffte. Kurze Zeit später erreichte ich auch das Dorf. Inzwischen machte sich meine Zerrung wieder bemerkbar und für den Rest des Tages sollte das auch so bleiben. Später kam dann auch noch ein Schmerz im linken Knie dazu, so daß man also von einer gleichmäßigen Verteilung reden könnte. Auch die Muskeln waren an solch eine Dauerbelastung nicht gewöhnt und wehrten sich wehement. Nach jedem Halt hatte ich das Gefühl, als ob sie fast zerreißen würden, dennoch hatte ich ebenso den Eindruck, daß sie ein wenig leistungsfähiger geworden waren.
Nach Ebersburg, in dem ich bei der Durchfahrt keine Apotheke gefunden hatte, ging es weiter nach Gersfeld auf der B279. Zwar hätte ich auch einen fahrradfreundlicheren Weg nehmen können, aber der wäre länger gewesen und außerdem führte er über einen Berg. Aber auch mein Weg führte nach oben - auf einer nicht wenigbefahrenen, engen Straße. Einen Radweg gab es nicht. Nach der halben Strecke stellte ich fest, daß eine Spur neu geteert wurde, was bedeutete, daß die Straße noch enger wurde. Der Verkehr wurde über eine Ampelanlage gesteuert. So fuhr ich also munter drauf los und mußte mich von einer Reihe von Autos in einem sehr unangenehm dichten Abstand überholen lassen. 'Gleich ist das vorbei', dachte ich, aber es kam anders. Die Bauarbeiten erstreckten sich über mehrere Kilometer und so wurde ich abwechselnd von vorn und hinten attackiert. Leider konnte ich dem ganzen auch kein schnelles Ende bereiten, da der Weg immer steiler wurde und es keine Abzweigung gab. Als ich die Hoffnung schon fast aufgegeben hatte, erreichte ich Gersfeld. Nun, dachte ich, kann es ja nur noch bergab gehen. Im Ort fand ich dann auch eine Apotheke, wo sie mir eine Tube Mobylat verkauften. Dann steuerte ich den nächsten EDEKA-Laden an. Hier konnte ich mich dann mal wieder über den fremden Dialekt amüsieren. Da ich meine Last ein wenig reduzieren wollte, kaufte ich jetzt nur noch drei Liter Getränke, außerdem ein paar Müsli-Riegel, für die kurzen, nicht lilafarbenen, Pausen zwischendurch. An der Kasse angekommen, erfuhr ich dann noch ein wenig von deren Preispolitik: Die Verkäuferin fragte nach, ob denn die Hähnchen zu 1000g wirklich billiger sein, als die zu 900g, was der Marktleiter dann bejate. Am Fahrrad angekommen, entdeckte ich das nächste Malheur. Beim Anschließen des Rades hatte ich den Rahmen zu stark an den Mast gedrückt, so daß der seinerseits ein wenig Lack an meinem schönen neuem Rad zurückließ - ärgerlich! Und schon ging es wieder los - in Richtung Bischofsheim. Doch noch vor dem Ortsausgang merkte ich, daß ich doch wohl noch nicht ganz oben war. Vor mir lagen ein paar Hundert Meter extremer Steigung - ca. 14 bis 15%, ungelogen. Natürlich wollte ich nicht absteigen, sonst hätte ich mir dieses Rad ja nicht kaufen müssen. Nachdem ich den kleinsten Gang eingelegt hatte, ging es los. Dabei mußte ich mich ziemlich weit nach vorne beugen, da ich merkte, daß sich das Vorderrad in die Höhe hob. Es kostete wahnsinnig viel Kraft und ich mußte in einer Seitenstraße eine kurze Pause einlegen. Nachdem ich ein paar mal tief durchgeatmet hatte ging es weiter. Es war unmöglich aus dem Stand den Berg direkt heraufzufahren, so mußte ich erst wieder ein wenig bergab und Schwung holen, dann den Lenker herumreißen und wieder strampeln wie ein Blöder. Aber ich habe es geschafft. Leider war ich immer noch nicht oben und erst jetzt merkte ich, daß mir ein heftiger Wind ins Gesicht schlug. So powerte ich aufs neue, die Steigung betrag ja auch nur noch 7 oder 8%. Hin und wieder überholte mich ein Auto. Es war ein wenig beruhigend, daß auch ein paar von ihnen Schwierigkeiten zu haben schienen. Fast einen Kilometer weiter befand sich neben der Straße eine Bank, die ich sogleich ansteuerte. Von hier aus hatte man einen herrlichen Überblick. Gersfeld lag inzwischen doch deutlich tiefer, ebenso die Ortschaften rund- herum. Und fast in jeder Himmelsrichtung ragte ein Berg im Hintergrund hervor, nur nicht in der, aus der ich kam. Nach einigen Minuten der Entspannung ging es wieder los. Es dauerte nicht lange bis aus der Steigung wieder ein Gefälle wurde. Paradoxer weise aber konnte ich mich nicht einfach rollen lassen - der Wind war so stark, daß selbst das bergabfahren Anstrengung kostete. Etwas weiter ging es dann wieder nach oben - das letzte mal vor Bischofsheim. Oben fand ich dann ein Schild, wonach ich 750m ünn war - der höchste Punkt auf dieser Tour.
Von jetzt an ging es nur noch runter und es ging nun ziemlich flott voran. Zwar war noch immer ein heftiger Gegenwind zu spüren, so daß ich kaum noch Luft bekam, aber die Bundesstraße, die ich jetzt befuhr, hatte bestimmt ein Gefälle von 10 bis 12%, was das wieder ausglich. Da ich, im Geschwindigkeits- rausch, jetzt auch noch kräftig in die Pedalen trat, beschleunigte ich auf 65km/h. Die letzen vier Kilometer hatten mich fast 40 Minuten gekostet, für die folgenden vier Kilometer jedoch brauchte ich gerade mal vier Minuten! Als ich das sah, wollte ich meinen Augen nicht trauen. Und trotz dieser Geschwindigkeit blieb das Rad im Fahrverhalten stabil, nur die Satteltaschen 'schaukelten' ein wenig. Beim alten Rad hingegen hatte ich bei einer ähnlichen Geschwindigkeit den Eindruck gehabt, daß es jeden Augenblick auseinander brechen würde. Danach ging es dann über Bad Neustadt nach Münnerstadt. Dort mußte ich mich für ein Tagesziel entscheiden. Eigentlich wollte ich direkt an den Main und dann einfach nur am Fluß entlang nach Nürnberg, aber an diesem Tag sollte es so weit gehen, daß ich den Rest bequem am folgenden Tag schaffen würde. So entschied ich mich für Königsberg (i. Bayern) und bog nach Osten ab. Die Fahrt ging nun durch eine ländliche Gegend mit kleineren Erhebungen, die mich doch immer ziemlich zum Ermüden brachten. Aber wenn ich dann mal wieder durch einen Ort mit 35 oder mehr Sachen 'rauschte', weil es leicht bergab ging, stieg meine Motivation schlagartig an und ich hatte das Gefühl, daß ich noch einmal 100km fahren könnte. Leider ging es danach meist wieder bergauf, was dann die ganze Stimmung erneut vermieste. Irgendwann kam ich an einen größeren See, der an diesem Nachmittag eine herrliche Ruhe ausstrahlte. Laut Karte mußte ich ihn halb umfahren, was ich dann auch tat. Dabei fuhr ich durch ein kleines Waldgebiet, wo ein Weg ausgeschildert war. Diesem folgte ich. Nach einiger Zeit überkam mich ein wenig Unbehagen, da ich immer noch im Wald war, und ich versuchte so schnell wie möglich dort wieder heraus zu kommen. Schließlich stellte ich fest, daß der Weg mich fast um den ganzen See geführt hatte und ich nicht da war, wo ich hätte sein sollen. So bog ich einfach irgendwo ab und entkam endlich dieser grünen Falle. Das Dorf, das ich erreichte lag zu meinem Pech noch weiter von Königsberg weg, als der See. Panikstimmung kam wieder auf. Als erstes suchte ich eine Telefonzelle, um mich in der Herberge anzumelden. Auch hier bezog sich eine der ersten Fragen auf mein Alter - typisch Bayern. Dann versuchte ich dem Herbergsvater zu erzählen, wo ich denn gerade sei. Da ich den Ort nicht kannte, sagte ich nur, daß ein großer See in der Nähe sei. Diesen kannte er wohl. Bedenklich fragte er, ob ich das denn noch bis 22 Uhr (um die Zeit schloß die Herberge) schaffen würde, 'da es ja noch ziemlich weit sei und die Gegend ziemlich bucklig ist'. Im Moment war es gerade 19 Uhr durch und ich sagte, daß das schon klappen würde. So machte ich mich wieder auf den Weg. Am Himmel zogen mal wieder dicke Wolken auf und es war zu befürchten, daß ich nicht trocken ankommen würde. Nachdem ich nochmals durch einen Wald gefahren war, Panik meldete sich wieder an, erreichte ich endlich eine feste Straße und die wollte ich auch nicht mehr verlassen, denn für diesen Tag war mein Bedarf an Schleich- und Feldwegen gedeckt.
Getrieben von der Zeit und dem Wetter ging es nun in Windeseile voran. Als ich dann in einem Ort mal wieder auf die Karte gucken mußte, wurde ich erneut von der Hilfsbereitschaft der Menschen in dieser Gegend überrascht. Diesmal war der Tip auch goldrichtig. Inzwischen hatte sich das ganze zu einer Art Rennen entwickelt und ich trat in die Pedalen wie ein Irrer. Doch dann erwischte mich das Wetter doch noch. Von einer Sekunde auf die andere fing es in Strömen an zu regnen. Keine 15 Sekunden später stand ich im Halbtrockenen unter einem Baum. Die Zeit nutze ich, um meinen Körper ein wenig zu stärken. Zum Glück war es nur ein Schauer, der nach ein paar Minuten wieder vorbei war und es konnte weiter gehen. Inzwischen war es dunkel geworden und als ich den letzten Hügel hinauffuhr, wußte ich die geringe Reibung des Dynamos zu schätzen. Endlich erreichte ich Königsberg - kurz vor acht Uhr. Der Herbergsvater hatte mir bereits gesagt, daß die Herberge (mal wieder) an einem Berg liegt und daß ich das letzte Stück schieben müßte. Natürlich konnte ich das mal wieder nicht wahr haben und trat in die Pedalen. Zweimal mußte ich kurz Pause machen und dann hatte ich es geschafft. In der Herberge erwartete mich schon ein anderer Radler, der von meiner Ankunft gehört hatte. So unterhielten wir uns den ganzen Abend lang über das eine Thema: Radfahren. Er kam aus Freiburg und wollte nach Berlin. Die ganze Sache ging er etwas professioneller an: Trikot, Helm, ausreichend Vitamin und Mineraltabletten, usw. Als ich ihm erzählte, daß meine Muskeln sich kaum noch bewegen wollten, meinte er, daß das Magnesium Mangel sei. An soetwas hatte ich überhaupt nicht gedacht. An diesem Tag hatte ich ca. 125km zurückgelegt und anscheinend war ich doch nicht so schlecht wie ich dachte, denn er hatte einen Tagesschnitt von 100 bis 110km. Nachdem also die wichtigsten Erfahrungen ausgetauscht waren ging auch dieser Tag zuende.

Der letzte K(r)ampf und das Ziel

Beim Frühstück mußten wir uns das Getöse einer französischen Schulklasse über uns ergehen lassen. Glücklicherweise waren die vor uns fertig. Alsdann hieß es wieder, die Sachen zu packen. Heino hatte ich am Vortag informiert und meine Ankunft angekündigt. Meine Zerrung war an diesem Tag zwar wieder etwas besser, aber immer noch spürbar. Endlich ging es wieder los. Nachdem wir unsere Räder gegenseitig beguckt hatten, fuhren wir noch ein kleines Stück zusammen - leider weiter den Berg hinauf - und verabschiedeten uns dann voneinander. Jetzt ging es ersteinmal hinunter zum Main nach Hassfurt. Dort überquerte ich den Main und fuhr dann am Flußufer entlang. Eigentlich eine schöne Strecke, doch ich war inzwischen ziemlich ausgelaucht. Außerdem machte sich meine Zerrung recht heftig bemerkbar. Dieser Tag sollte ein einziger Krampf werden. Irgendwann erreichte ich Bamberg. Hier fuhr ich nur durch, aber auch an meinem Weg hatte ich einen herrlichen Ausblick auf einige Bauwerke. Bamberg ist wirklich eine schöne Stadt. Sogleich mußte ich ein Foto schießen, leider blieb es bei dem einen. Dann ging es am Main-Donau Kanal weiter. Außerhalb der Stadt folgte ich einem ausgeschilderten Wanderpfad, der am Kanal entlang führte. Laut Karte sollte ich nun bald den Kanal überqueren, und der Weg änderte sich tatsächlich. Doch zu meiner Überraschung führte er erst ein Stück vom Kanal weg. Auf der Karte war aber nur ein 'kleiner' Schlenker eingezeichnet. Vorerst machte ich mir keine Gedanken und folgte weiterhin den Wegweisern. Etwas später befand ich mich dann wieder am Kanal, allerdings auf der anderen Seite - aber Moment - ich hatte ihn nicht überquert. Zuerst dachte ich, es sei ein Seitenarm, dann aber, als ich zurücksah, kam mir der Anblick bekannt vor - ich hatte eine Schleife gefahren und war im Begriff, mich wieder in Richtung Bamberg zu bewegen. Irgendwie war ich in einen Teufelskreis geraten. So machte ich erst einmal eine kleine Pause und orientierte mich nochmals an der Karte. Kurz entschlossen überfuhr ich die nächste Brücke. Dort gab es zwei mögliche Richtungen. Da die eine für Fahrzeuge aller Art, also auch für Fahrräder, gesperrt war, nahm ich den anderen. Doch schon nach kurzer Zeit mußte ich feststellen, daß dies eine Sackgasse war und ich nur an einem Fluß landete. Nun, mit den Nerven mal wieder am Ende, endschloß ich mich, meine Mittagspause hier einzulegen und so machte ich es mir gemütlich. Nach einem etwa einstündigen Mittagsschläfchen erwachte ich urplötzlich, als ich Stimmen hörte. Es näherten sich ein paar Angler. Deshalb und da am Himmel schon wieder dicke Wolken aufmaschierten beeilte ich mich und setzte mein Gefährt wieder in Bewegung.
Diesmal versuchte ich den verbotenen Pfad und wie ich feststellte, war es der richtige. Auf meinem Weg befand sich dann eine Eisenbahnbrücke, worunter eine ziemlich riesige Pfütze mit unbekannter Tiefe lag. Um nicht auch noch meine Klamotten einzusauen, gab ich dem Rad ein wenig Schwung und hob die Beine, in der Hoffnung, daß ich sie während der Durchfahrt nicht gebrauchen würde, an. Die Räder versanken bis etwas über die Achsen, doch glücklicher- weise reichte mein Schwung und ich erreichte trocken die andere Seite. Alsdann ging es weiter am Kanal entlang. Immer wieder mußte ich eine kurze Pause einlegen, da meine Muskeln und meine Zerrung mich dazu zwangen. Obwohl ich an diesem Tag die kürzeste Strecke von allen hatte, war es für mich die schlimmste. Ganz amüsant fand ich es dann, als ich dicht an Baiersdorf vorbeifuhr, denn mein Opa hatte mal in der gleichnamigen Firma gearbeitet. Endlich erreichte ich Erlangen. Nun war es nicht mehr weit. Inzwischen fuhr ich auch nicht mehr am Kanal entlang, sondern befand mich jetzt auf einer größeren Straße, die Erlangen mit Fürth verbindete. Kurz vor dem Ortsende von Erlangen überholte mich ein Radrennfahrer. Wohl schon so an die vierzig Jahre alt, aber auf einer Rennmaschine und eindeutig auf Trainingsfahrt, sprich im Trikot und ohne jegliches Gepäck bzw. das ganze Rad war nur mit dem Nötigsten ausgestattet. Da ich merkte, daß seine Kondition nicht überragend war konnte ich der Herausforderung nicht widerstehen. Nachdem ich meine Hacken richtig festgezogen hatte machte ich mich daran, meine 'Maschine' auf Touren zu bringen. Das erste Mal merkte ich, daß die Hacken doch einiges bringen und ich hatte richtig das Gefühl, als ob ich das Fahrrad ziehen würde. So kam ich doch ziemlich in Fahrt und überholte meinen 'Gegner'. Sofort merkte ich, daß ihm das nicht so ganz zu passen schien - irgendwie war es für ihn ja auch ein wenig blamabel. Er machte alsbald Anstalten, diesen Zustand wieder zu ändern, doch ich beschleunigte immer noch ein wenig. Aber nach ein paar Minuten spürte ich die Kilometer, die ich an diesem Tag schon zurückgelegt hatte und daß mein Fahrrad nicht allzu leicht beladen war und so wurde ich allmählich langsamer. Kurz vor Fürth schließlich überholte mich der andere bei einer Geschwindigkeit von ca. 36km/h und bog sofort danach in eine Seitenstraße ab. Meine Energien waren nun doch ziemlich erschöpft, doch das war es Wert gewesen. Von Fürth war es dann nicht mehr weit bis Nürnberg. Ganz witzig fand das Ortsschild, vonach die beiden Städte nahtlos ineinander übergingen. Nicht viel später hatte ich die gesuchte Straße ausgemacht und erreichte, endlich, mein Ziel.

Nürnberg und der Weg zurück

Zufälligerweise kam Heino gerade in diesem Moment nach Hause. Nach einem kurzen Hallo meinte er: 'Und das sind also deine neuen Fahrradhandschuhe.' Dann brachten wir die Sachen nach oben. Dort lernte ich dann Heinos Vermieterin kennen, eine interessante Person. Endlich fand ich Zeit dazu, mich ein wenig auszuruhen und zog eine Bilanz aus den letzten Tagen. Die Tour dauerte fünf Tage und ging über 685 km. Bisher war es normal gewesen, wenn nach einer Tour gewisse Beschwerden auftraten. So schlief mir immer der rechte kleine Finger ein, mein Rücken schmerzte, ebenso meine Handgelenke und das Hinterteil war abends auch immer recht mitgenommen. Doch diesmal war etwas anders, zwar taten mir zeitweise die Knie weh, die Muskeln wollten nicht immer so, wie ich es wollte und meine Zerrung war immer noch präsent aber das war wohl auf allgemeine Erschöpfung zurückzuführen und darauf, daß das Fahrrad noch ein wenig gewöhnungsbedürftig war. Ansonsten hatte ich keine Probleme. Mein Rücken schmerzte wohl deshalb nicht, weil ich auf diesem Rad etwas aufrechter saß und für meine Hände war es angenehmer, da die Gummigriffe weicher waren, als der sonst nur umwickelte Lenker. Zusätzlich hatte ich mir auf anraten meines Nachbarn noch Fahrradhandschuhe zugelegt, die sich ebenfalls als nötig erwiesen - mein kleiner Finger blieb 'wach'. In den nächsten Tagen sah ich mir dann die Stadt an und besuchte ein paar Museen. Mit Heino war ich dann das erste Mal in meinem Leben in einem Planetarium. Er fand es langweilig, aber ich war fasziniert. Zwar erzählten die dort nichts Neues, aber der Eindruck war überwältigend. Kleine Touren, die ich ursprünglich geplante hatte, lies ich bleiben, da meine Zerrung nicht besser wurde. Zugegeben, bei dieser Tour hatte ich mir wohl doch ein wenig zu viel zugemutet. Am Freitag hatte ich dann Geburtstag. Heinos Vermieterin hatte mir sogar eine kleine Karte geschrieben, das fand ich wirklich nett. Meine Mutter schickte mir ebenfalls eine Karte und von Heino bekam ich eine Flasche Federweisser, der wirklich gut schmeckte. Ansonsten war der Tag ziemlich trist. Am Samstag wollten Heino und ich dann wieder nach Oldenburg zurückfahren - mit der Bahn. Vorher hatte ich zwar schon Fahrradkarten geholt, aber irgendwie hatte es nicht geklappt, Plätze zu reservieren. Das erwies sich als fatal. Wir waren schon recht früh am Bahnhof und beschlossen den erstbesten Zug in Richtung Würzburg zu nehmen. Wir hofften, daß von dort mehr Züge nach Hannover fahren würden, so daß wir doch noch einen finden würden, der unsere Räder trotz fehlender Reservierung mitnehmen würde. Dort angekommen, stellten wir jedoch fest, daß am ganzen Tag nur ein einziger InterRegio nach Hannover fuhr, ansonsten lediglich ICEs und die nahmen keine Räder mit. So warteten wir auf den InterRegio und fingen an die hochgepriesenen neuen Züge zu verfluchen. Endlich kam er und er hatte sogar zwei Wagen mit Fahrradständern. Doch ein Wagen war bereits voll. Auf dem Bahnhof befand sich neben uns noch ein einzelner Radler und eine sechsköpfige Gruppe mit Rädern. Da ein Wagen nur acht Fahrräder aufnimmt, fingen wir an ins Schwitzen zu kommen. Selbst wenn er ganz leer war, konnten nicht alle mit. Der Zug kam zum Stehen und wir beeilten uns, den entsprechenden Wagen zu erreichen. Es stellte sich heraus, daß die Gruppe alle acht Plätze reserviert hatte. Allerdings waren zwei Leute verhindert, so daß die Plätze frei waren. Eilig teilten wir ihnen unsere Situation mit und stiegen kurzer Hand ein. Der verbleibene Radler schnallte das irgendwie ein wenig zu spät um blieb zurück. Er tat mir irgendwie leid, aber Heino meinte nur:'Einmal muß man einfach mal ein Schwein sein.' Die Fahrt verlief ohne weitere Zwischenfälle und so kamen wir am Abend in Oldenburg an. Am Bahnhof wartete Martina bereits auf unsere bzw. Heinos Ankunft. Nachdem die Räder wieder beladen waren und wir das Bahnhofsgebäude verlassen hatten, verabschiedete ich mich von den beiden und fuhr zu Christian, um meine Schlüssel wieder abzuholen. Und so endet meine Geschichte von einer Tour, die äußerst anstrengend aber auch wunderschön war. Diese Tage werde ich wohl nicht so schnell vergessen.