Die Donautour (Juli/August 2005)
Die Idee entstand 2002, als ich beruflich
in Ungarn war. An einem Wochenende hatte ich mit ein paar Kollegen Budapest
besichtigt und am Hafen gesehen, dass man mit dem Schiff auf der Donau von Budapest
nach Wien fahren kann. Bis dato war mir die geografische Lage der beiden Städte
nicht so bewußt gewesen, doch nun kam mir der Gedanke mit dem Rad von
Wien nach Budapest und mit dem Schiff wieder zurück zu fahren. Drei Jahre
später sollte dies Realität werden ...
Routenbeschreibung
Die Preise der Unterkünfte beziehen sich immer auf 2 Personen pro Nacht inkl. Frühstück. Die Adressen habe ich aus dem Reiseführern bzw. aus dem Internet bezogen.
| technische Details | Unterkunft | ||
| Übernachtung in Passau | |||
| Adresse | Rotel Inn Donaulände 94032 Passau Tel.: 0851/95160 eMail: info@rotel.de |
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| Preis | 30 € + 5€/Person für Frühstück | ||
| Bewertung | 4/5 sauber, kleines Zimmer, Bad auf dem Flur, Fahrräder können sicher in einem Fahrradkäfig eingeschlossen werden. |
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| 1. Tour Tag: Passau - Feldkirchen (24. Juli) | |||
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Länge |
85,82 km 18,85 km/h |
Adresse |
Augustine Kneidinger |
| Preis | 30 € | ||
| Bewertung | 3/5 Zimmer mit Waschbecken, WC und Dusche/Badewanne auf dem Flur |
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| 2. Tour Tag: Feldkirchen - Grein (25. Juli) | |||
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Länge |
92,22 km 17,61 km/h |
Adresse |
Anna und Gustav Kühberger |
| Preis | 30 € + 6€/Person für ein Abendessen | ||
| Bewertung | 4/5 Bauernhof mit 4 Bettzimmer, hausgemachte Kost, mit dem Fahrrad schwer zu erreichen, aber sehr schöne Aussicht und sehr herzlicher Empfang |
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| 3. Tour Tag: Grein - Dürnstein (26. Juli) | |||
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Länge |
87,15 km 18,37 km/h |
Adresse |
Eva und Manfred Mörtinger Oberloiben 20 3601 Dürnstein (Österreich) Tel. +43 (2732) 76 152 eMail: winzerhof.moertinger@utanet.at |
| Preis | 40€ | ||
| Bewertung | 4/5 Zimmer im Innenhof; wunderschöne Terrasse mit Blick auf die Weinberge. Alles ist sehr neu und sauber; Früstück korrekt aber knapp bemessen |
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| 4. Tour Tag: Dürnstein - Greifenstein (27. Juli) | |||
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Länge |
66,41 km 18,26 km/h |
Adresse |
Gasthof Brauner Bär |
| Preis | 50 € | ||
| Bewertung | 0/5 Gasthof liegt direkt (10m) an der Bahn; wird wohl seit 2 Jahren renoviert, daher reinste Baustelle; Zimmer katastrophal: Schimmel im Bad, durchgelegene Matraze, keine Vorhänge, "Spot" der direkt aufs Zimmer gerichtet ist; Frühstück jedoch reichhaltig und gut |
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| 5. Tour Tag: Greifenstein - Wien (28. Juli) | |||
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Länge |
23,56 km 17,57 km/h |
Adresse |
Hotel Franzenshof |
| Preis | 79 € | ||
| Bewertung | 3/5 Fahrräder sind sicher in einem kleinen Innenhof abstellbar; Zimmer ist sauber, Frühstück durchschnittlich |
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| 6. Tour Tag: Wien - Bratislava (Slowakei) (30. Juli) | |||
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Länge |
81,85 km 17,84 km/h |
Adresse |
Hotel Arcus Moskovská ul.5 811 08 Bratislava (Slowakei) Telefon: 00421-2-55572522 Fax: 00421-2-55576750 Homepage: www.hotelarcus.sk eMail: bratislava@hotelarcus.sk |
| Preis | 71 € | ||
| Bewertung | 5/5 umgebautes Wohnhaus; Videoüberwachung; schönes Zimmer und reichhaltiges Frühstück |
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| 7. Tour Tag: Bratislava - Györ (31. Juli) | |||
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Länge |
89,90 km 19,12 km/h |
Adresse |
Corvin u. 19. |
| Preis | 41,90 € | ||
| Bewertung | 4/5 | ||
| 8. Tour Tag: Györ - Tata (1. August) | |||
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Länge |
61,21 km 17,90 km/h |
Adresse |
Ady Endre u.22. |
| Preis | 59 € | ||
| Bewertung | 5/5 sauberes und sehr ruhiges Zimmer; gutes Frühstück |
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| Übernachtung in Budapest | |||
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Adresse |
Hotel Charles |
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| Preis | 65 bzw. 70 € (für ein Zimmer zum Innenhof) | ||
| Bewertung | 2/5 die Zimmer sind renovierungsbedürftig und sehr laut, aber sauber; üppiges Frühstücksbuffet |
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| Übernachtung in Zamardi | |||
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Adresse |
Hotel Famila |
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| Preis | 61 € | ||
| Bewertung | 5/5 die Zimmer sind eng aber okay; sehr gutes Angebot an Freizeitaktivitäten und ein sehr schönes Schwimmbad; gutes Frühstücksbuffet |
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| Summe | 592,82 km | Passau - Tata | |
Tagebuch
Die Anfahrt
Die Reise beginnt im Zug: Mit der S-Bahn bis Frankfurt, mit dem IC bis München und mit dem Regional Express nach Passau. Dort angekommen ist die Unterkunft ist relativ schnell gefunden, da es direkt in Richtung Donau in ein paar hundert Metern Entfernung liegt. Etwas gewöhnungsbedürftig sind allerdings die Zimmer. Das Bett reicht von Wand zu Wand und die Badezimmer befinden sich auf dem Flur. Nachdem wir unsere Sachen auf dem Zimmer verstaut haben, machen wir eine kleine Stadtbesichtigung von Passau. Auf halben Rückweg kehren wir in einem indischen Restaurant ein. Das Essen ist gut, zum Abschluss gibt es eine Art konzentrierten Fruchtsaft mit einem Löffel voller Kräuter zur Verdauung, was zwar merkwürdig aussieht, aber erfrischend schmeckt.
1. Tour Tag: Passau - Feldkirchen
Die Tour beginnt überraschend reibungslos. Die Strecke bis Wien
ist hervorragend ausgeschildert und zu 99% geteert, so dass man fast auf die
Karte verzichten kann. Gegen Mittag kommen wir bei Au an der "Donauschlinge"
an. Dort müssen wir ein Stück mit der Fähre fahren, um dann wieder auf den Radweg
zu treffen. Die kleinen Holzfähren sind nur für Fußgänger und Radfahrer ausgelegt.
Es sind kleine Schiffe mit einem nach vorne gebogenen flachen Rumpf. Dieser
erlaubt es, dass die Fähre sich quasi direkt am Anleger verkeilen kann, wodurch
die Verwendung einer Rampe zum Ein- und Aussteigen entfällt. Die Fähre ist mit
einem kleinen Außenbordmotor betrieben und tuckert seelenruhig über die Donau.
Wir genießen die Aussicht und erkennen unter den Fahrgästen einige Radler, die
uns bzw. die wir überholt haben. Im Gegensatz zum letzten Jahr entwickelt sich
jedoch kein Gespräch. Der Radverkehr an der Donau ist wesentlich intensiver
als am Rhein und demnach ist das Fahrverhalten aggressiver und die Personen
anonymer. Nachdem wir wieder festen Boden unter den Füßen haben geht die Fahrt
in Grafenau weiter. Bereits gegen 14 Uhr haben wir unser Ziel erreicht. Scheinbar
zu früh, denn auf dem Bauernhof ist niemand anzutreffen. Kurzerhand steigen
wir wieder auf unsere Räder und fahren ins nahe gelegene "Eldorado", ein Erholungsgebiet
mit drei Badeseen. Dort legen wir uns bei dem schönen Wetter in den Schatten,
dösen ein wenig vor uns hin oder schmökern in unseren Büchern.
Zwei Stunden später fahren wir wieder zurück zum Hof. Diesmal haben wir Glück,
denn eine Nachbarin ist da und zeigt uns einen Abstellplatz für die Räder und
das Zimmer. Da trifft auch die Wirtin ein, entschuldigt sich, dass sie erst
jetzt käme, aber ich hätte ja gesagt, wir wären erst gegen 18 Uhr da. Als wir
gerade anfangen wollen, das Gepäck abzuladen, kommen zwei weitere Radfahrer
an. Die Wirtin ist verlegen, denn mit Schreck erkennt sie, dass sie das Zimmer
überbucht hat. Bevor ein Streit ausbricht, bitte ich sie, herumzufragen, ob
in der Nähe eine andere Unterkunftsmöglichkeit für die Nacht besteht, woraufhin
sie zum Telefon greift und fleißig telefoniert. Im Hintergrund hören wir, wie
sie eine Absage nach der anderen bekommt und ins Schwitzen gerät, auch wir werden
nervös. Schließlich hat sie Erfolg in dem drei Kilometer entfernten Bad Mühllacken.
Da die anderen scheinbar schon ziemlich K.O. sind und wir uns schon etwas über
die zu kurze Tour ärgerten, radeln wir geschwind rüber. Ein kurzer Wettlauf
gegen das Wetter, denn Regenwolken sind aufgezogen. Dort angekommen erwartet
und ein freundliches Ehepaar. Das Zimmer ist schlichter als die ursprüngliche
Unterkunft, dafür aber auch 10€ günstiger.
2. Tour Tag: Feldkirchen - Grein
Der Morgen beginnt mit Regen. Glücklicherweise ist dieser vorüber
noch bevor wir uns auf machen. Es geht weiter am Damm entlang vorbei an zwei
Traktoren, die dabei sind den Rasen am Wegesrand zu mähen. Ein paar Minuten
später setzt der Regen wieder ein und so geben wir Gas bis wir bei einem Sperrwerk
landen. Dort stellen wir uns unter ein paar Bäume und warten den Schauer ab.
Ein Blick auf die Karte verrät, dass wir vorher hätten abbiegen müssen und so
geht es nach dem Schauer wieder ein Stück des Weges zurück, wieder an den Traktoren
vorbei, und tatsächlich finden wir kurz danach das richtige Hinweisschild. In
Urfahr fahren wir über die Brücke nach Linz, um uns die Stadt ein wenig anzusehen.
Allerdings sind die Straßen dermaßen voll von Menschen und Autos, dass uns schnell
die Lust vergeht. So machen wir ein paar Einkäufe für ein Picknick und gönnen
uns in einem kleinen Café in einer Seitenstraße ein Stück Kuchen. Dann geht
es wieder zurück nach Urfahr und weiter an der Donau entlang. Die Strecke ist
hervorragend ausgeschildert und wir müssen nur sehr selten auf die Karte schauen.
Bei Gusen legen wir unsere Mittagspause unter einem Apfelbaum ein. Dann geht
die Fahrt weiter und gegen 14 Uhr machen wir wieder Halt in Dornach - knapp
3km vor unserem Tagesziel. Doch die Adresse ist auf der Karte nicht leicht zu
finden, denn die Straße "Oberbergen" scheint es hier mehrfach zu geben. Also
trinken wir eine Kleinigkeit im Gasthof und ich rufe die Bäuerin an, um zu erfragen,
welchen Weg wir nehmen müssen. Wie schon bei der telefonischen Reservierung
von vor zwei Wochen meint sie, dass sie uns abholen kommt. Hm, denke ich mir,
der Hof scheint doch schwerer erreichbar zu sein als gedacht und so vereinbaren
wir einen Treffpunkt, damit sie zumindest das Gepäck aufnimmt. Wir beenden unsere
Pause und machen uns auf zum Fuße des Berges.
Ein paar Minuten nach uns erscheint auch die Bäuerin mit ihrer Enkelin und verlädt
das Gepäck. Uns fällt es nicht ganz leicht ihren starken Akzent zu verstehen,
aber wieder fragt sie nach, ob wir nicht lieber mit dem Auto nach oben fahren
wollen. Wir sind jedoch frohen Mutes und verneinen dankend und treten in die
Pedale. Oha - der kleine "Hügel" hat es in sich. Die Straße hat eine Steigung
von 10-15% auf einer Länge von über einem Kilometer. Waren wir tagsüber noch
überrascht, wie leicht uns das Radfahren fällt, so geht uns hier sehr schnell
die Puste aus! Bereits nach ein paar hundert Metern müssen wir absteigen, da
der Puls nur noch so rast. Letztendlich brauchen wir 15 Minuten um den Berg
teils mit fahren, teils mit schieben und ohne Gepäck zu erklimmen. Doch oben
angekommen werden wir mit einem herrlichen Ausblick auf das Donautal belohnt.
Die Bäuerin bereitet uns ein schmackhaftes Abendessen, worüber wir sehr froh
sind, da wir wenig Lust verspüren noch schnell zum Abendessen in das Tal zu
fahren. Es gibt eine Käsesuppe und Palatschinken mit selbst gemachter Marmelade
aus Erdbeeren und schwarzer Johannisbeere. Mit Stolz zeigt uns die Bäuerin ihr
Gästebuch, dass ein Stammgast mit sehr viel Hingabe erstellt hat. Das Buch ist
gefüllt mit Fotos, Texten und Gedichten in kaligraphischer Schrift. Viele Gäste
haben sich hier verewigt und so schreiben wir auch ein paar Zeilen auf deutsch
und französisch. Nach dem Essen fährt ihr Mann mit uns bis ganz auf die Spitze
des Berges. Für ihn ist dies eine tägliche Gewohnheit, da er auf die Jagd geht
und regelmäßig sein Revier kontrolliert. Trotz der aufziehenden Gewitterwolken
kann man in de Ferne die Alpen gut erkennen. Wir stehen am Rand einer Wiese
voller blühender Gräser und haben eine wunderschöne Aussicht. Im Gespräch erklärt
uns der Bauer, dass sich das Wetter in den letzten Jahren drastisch geändert
hat. Heute gibt es deutlich weniger Schnee und keine klaren Übergänge der Jahreszeiten.
Die Temperatursprünge fallen mitunter sehr drastisch aus. Auch gibt es zwar
heutzutage mehr Gewitter als früher in der Gegend, aber nicht in Grein. Seine
Vermutung ist, dass die zahlreichen Hochspannungsleitungen das Gewitter umleiten.
Wer weiß, was uns die nächsten Jahre erwarten wird? Er plaudert noch ein wenig
aus dem Nähkästchen und man hat den Eindruck es mit einem Nachfahren von Heidis
Alm-Öhi zutun zu haben. Schließlich fahren wir wieder zurück und beenden den
Tag mit ein wenig Bettlektüre.
3. Tour Tag: Grein - Dürnstein
In der Nacht regnet es sehr heftig, doch am Morgen klart es auf
und die Sonne scheint. Nach dem Frühstück bedanken wir uns für den herzlichen
Empfang und verabschieden uns. Als erstes geht es den Hügel wieder hinunter.
Unten im Tal angekommen wechseln wir an einer stark befahrenen Brücke die Donauseite.
Auf der Fahrt überholen uns zwei ältere Herren. Der eine spricht mich an und
fragt, woher wir kommen und wohin wir heute fahren. Als ich ihm unser Ziel Dürnstein
nenne winkt er nur ab und meint, die beiden würden sogar noch weiter bis Spitz
fahren (ein kurzer Blick auf die Karte zeigte, dass Spitz vor Dürnstein liegt,
aber egal) und dann mit dem Zug zurück. Als die beiden kurz darauf Rast machen
verabschiede ich mich und wünsche den beiden gute Fahrt.
Wir kommen gut voran, aber gegen 11 Uhr fängt es an zu regnen und so machen
wir bei einem Ort namens Krummnußbaum an einer der zahlreichen Radlergaststätten
halt. Während es so dahinplätschert sitzen wir unter einem großen Sonnenschirm,
trinken einen Tee und gönnen uns einen Apfelstrudel. Marie ist anfangs skeptisch,
ob sie wirklich einen Apfelstrudel essen möchte, doch nachdem sie ihn verdrückt
hat, bestellt sie sogleich einen zweiten, was wiederum den Gastwirt zum Grinsen
brachte. Kaum ist der Kuchen endgültig verdrückt, hat der Regen auch schon wieder
nachgelassen und die Tour geht weiter. Am frühen Nachmittag kommen wir in Melk
an. Da die Fahrräder bei einer Stadtbesichtigung immer ein großes Handicap darstellen,
fahren wir zum Bahnhof und sperren dank Maries glorreicher Idee das Gepäck in
ein riesiges Schließfach für 3€/Tag ein. Alsdann entledigen wir uns den Rädern
und machen uns zu Fuß auf den Weg zum Benediktinerstift. Der Eintritt ist mit
7€ horrent. Die Ausstellung ist sehr modern gestaltet. Die Räume sind blau oder
rot beleuchtet und aus den Lautsprechern erklingen sphärische Klänge - dies
ist nicht unbedingt nach jedermanns Geschmack. Am meisten hat uns dann die Bibliothek
beeindruckt. Dort gibt es tausende handgeschriebener oder mittels Gutenbergdruck
hergestellter Bücher bis unter die gut sechs Meter hohe Decke. Der Anblick allein
rechtfertigt den Besuch des Stifts. Nach der Besichtigung fahren wir ein Stück
weiter und machen am Wegesrand Rast. Während wir uns unsere Brote futtern (auf
einer Radtour gibt es nichts besseres!), kommen eine Unmenge an Radfahrern vorbei.
In den 20 Minuten, die wir dort verbringen, zähle ich an die 50 Radler, größtenteils
wie wir donauabwärts. Ich habe vorher noch nie einen so stark befahrenen Radweg
gesehen, fast wie auf einer Autobahn. Dies wiederum ist besonders toll, wenn
man mal kurz für eine Pinkelpause halten will.
Der lange Halt in Melk macht sich bemerkbar: wir sind etwas müde und tun uns
schwer auf den letzten Kilometern. Die Gegend ist jedoch wunderschön, denn ab
Spitz befinden wir uns in einem Weinanbaugebiet. Die Weinberge erstrecken sich
zu beiden Seiten der Donau. In Oberloiben bei Dürnstein erreichen wir unser
Nachtlager. Dieses Mal ist es ein Winzerhof. Das Zimmer ist korrekt, die Besitzer
sind aber ein wenig wortkarg. Abends fahren wir noch einen Kilometer zum Essen
bis Unterloiben. Dort setzen wir uns auf die Terrasse eines Gasthofes. Marie
wählt nach langem zaudern wegen des Preises Steinpilze, während ich neugierig
mich an "Radblunzen" versuchen möchte. Das Essen ist gut und Marie schwelgt
in ihren Pilzen. Interessant für uns ist, dass in Österreich Brot bzw. Brötchen
zwar immer serviert, jedoch am Ende mit berechnet werden (nur die konsumierte
Menge), während es in den Nachbarländern immer gratis ist. Zurück in der Pension
nehmen wir uns eine Flasche Grüner Veltiner aus dem Kühlschrank des Winzers
und genießen diesen beim Sonnenuntergang auf der Terrasse. Der Wein schmeckt
sehr gut, wenn er gekühlt ist.
4. Tour Tag: Dürnstein - Greifenstein
Der Tag beginnt mit strahlendem Sonnenschein. Nach einem eher
spartanischen Frühstück brechen wir auf. Im Laufe des Tages wird es sehr heiß.
Bei Mautern wechseln wir wieder die Donauseite und radeln unsere Kilometer runter.
Bei Tulln gibt es dann einen sehr heftigen Regenschauer, so dass wir uns bei
einer Autobahnbrücke zu einem Paar Radler gesellen und abwarten. Da der Regen
jedoch nicht abreist, sind wir nach einiger Zeit genervt, ziehen unsere Regenklamotten
über und machen uns wieder auf den Weg. Eine Viertelstunde später hört der Regen
auf und wenig später gelangen wir nach Greifenstein. Dort erwartet uns eine
unangenehme Überraschung: Das reservierte Zimmer ist in einem Gasthof, der als
Eckhaus direkt an der Bahn und an der Hauptstraße steht, wobei direkt wirklich
direkt bedeutet - die Schienen verlaufen keine 10m vom Haus entfernt, vielleicht
sogar weniger. Das äußert sich auch auf der Terrasse vor dem Gasthof, wo Gäste
zu Mittag essen: Die Terrasse ist schön gestaltet, nur an der Brüstung sitzt
niemand. Als neue Gäste sich auf einem der "begehrten" Plätzen setzen dauert
es keine Minute, dass ein Zug vorbeikommt und die Idylle zunichte macht. Schlagartig
wechseln sie zu einem anderen Tisch. Unglücklicherweise ist der Ort sehr klein
und die beiden alternativen Pensionen bereits voll belegt. Und da wir bei der
Hitze keine Lust mehr haben weiterzufahren, bleibt uns keine andere Wahl, als
hier zu bleiben für die Nacht. Die Räder werden in einer Garage untergestellt
und haben es sehr kühl, im Gegensatz zu uns. Nachdem wir das Gepäck auf dem
Zimmer verstaut haben, machen wir uns auf die Burg Grafenstein zu besichtigen.
Mit jedem Schritt, den wir den Berg hinaufgehen kommen wir mehr ins Schwitzen.
Aber das ist nur das kleinere Übel, denn auf halben Wege werden wir mit einem
mal von einem Mückenschwarm attackiert, die uns fast bis zur Burg hinauf nicht
in Ruhe lassen.
Endlich oben angekommen erwartet uns eine kleine Überraschung. Die Burg gleicht
mehr einem Bunker aus dem 2.Weltkrieg, als einem mittelalterlichen Bau; außerdem
findet gerade an diesem Tag keine Besichtigung statt. Aber hoch oben im Turm
gibt es eine Kneipe mit Panoramablick. Da es erst später Nachmittag ist, sind
wir die einzigen Gäste. Natürlich wollen wir die Aussicht genießen, doch es
zeigt sich, warum während des Tages hier niemand heraufkommt: Es herrschen Temperaturen
wie in der Sauna. So trinken wir nur ein kühles Getränk und machen und wieder
auf den Rückweg. Schlau wie wir sind, wählen wir diesmal statt dem Fußweg die
Straße, um den Mücken zu entkommen und in der Annahme eine Abkürzung zu wählen.
Doch weit gefehlt: Schon nach ein paar hundert Metern haben uns die Mücken wieder
im Visier und unten an der Kreuzung angekommen stellen wir fest, dass wir mitten
auf der Hauptstraße stehen. Weder rechts noch links der Fahrbahn gibt es einen
Fußweg und auch keine Möglichkeit die Bahnschienen zu überqueren, die uns vom
Ufer trennen. Der Weg zurück wäre die Hölle und so laufen wir beide ziemlich
sauer die stark befahrende Straße entlang bis wieder in den Ort hinein. Entnervt
und K.O. essen wir in einem kleinen Restaurant am alten Donauarm eine Kleinigkeit
und gehen dann zurück zum Gasthof. Wie sich herausstellt hat es das Zimmer in
sich: Es ist heiß, sehr heiß, doch wenn man die Fenster öffnet rasen einem die
Autos und Züge durchs Zimmer. Vorhänge gibt es nicht. Die Hoffnung, dass die
Nacht das Problem beseitigt wird zunichte gemacht, als bei Sonnenuntergang ein
Spotlicht angeht, dass den Werbetext am Haus, der direkt über dem Zimmerfenster
liegt, anstrahlt. Ganz zu schweigen von dem Fernseher, der keine Sender empfängt,
der durchgelegenen Matratze, dem Schimmel im Bad, den verkalkten Zahnputzbecher,
den feuchten Handtüchern und der Tatsache, dass das Haus eine einzige Baustelle
ist. Beide schlafen wir in dieser tropischen Nacht unruhig oder gar nicht. Wenigstens
kann ich prima lesen bei dem "Deckenlicht".
5. Tour Tag: Greifenstein - Wien
Gerädert wachen wir am nächsten Morgen auf und nehmen das Frühstück
ein. Zumindest dieses ist ausgewogen und korrekt. Bei der Abreise beschweren
wir uns über das schlechte und überteuerte Zimmer. Das Personal ist nervös,
der Gastwirt zeigt sich erst gar nicht und trotz Beschwerde wird uns kein Preisnachlass
eingeräumt. Da wir nur eine Nacht geblieben sind und keinen halben Tag mit Diskussionen
verbringen wollen, nehmen wir uns die Räder und fahren los. Von dieser Unterkunft
ist dringend abzuraten!
Der Weg nach Wien ist sehr kurz, dennoch wird es anstrengend, da die Sonne schon
früh zeigt, was in ihr steckt. In Wien finden wir schnell unser Hotel. Das Zimmer
ist bereits fertig und so laden wir unser Gepäck ab, stellen unsere Räder in
den Innenhof und genehmigen uns eine Dusche. Anschließend geht es per Pedes
in die Innenstadt.
Zwei Tage in Wien
Die Hitze (über 30°C) macht uns schwer zu schaffen, als wir von
ein paar Leuten in Mozartkostüm angesprochen werden, ob wir nicht Interesse
an einem Konzeptbesuch hätten. Während ich mich informieren lasse drängt Marie
mich zum Weitergehen, da sie befürchtet, dass die Sache nicht koscher ist. So
gehen wir weiter und ich schlage vor, die Karten direkt an der Kasse zu kaufen,
um sicher zu gehen, denn schließlich sollte man die Gelegenheit schon nutzen,
wenn man schon einmal in Wien ist. Nach ein paar Umwegen finden wir endlich
den Stadtpark und kaufen uns die Karten. Den Rest des Nachmittags verbringen
wir mit einer Flasche Wasser auf einer schattigen Wiese.
Das Konzept beginnt um 18 Uhr und wir können glücklicherweise sogar in Shorts
und Sandalen erscheinen. Gespiel werden populäre und fröhliche Stücke wie z.B.
Papagena oder der Donauwalzer. Neben klassischer Musik werden Tanz und Gesangstücke
durch elegant gekleidete professionelle Künstler vorgetragen. Trotz des bunten
Mixes, der sicherlich nur für die Touristen zusammengestellt wurde, ist es eine
gelungene Veranstaltung. Draußen ist es inzwischen immer noch sehr warm, jedoch
erträglich. Wir gehen zurück in die Innenstadt zum Stephansdom, um eine Fahrt
im Fiaker zu unternehmen. Dort angekommen sehen wir zwei Kutscher, die sich
mit einem Teenager unterhalten. Wie auch bei den Taxen steigt man in den Fiaker
ein, der vorne in der Schlange steht. Nachdem wir in die Kutsche eingestiegen
sind nimmt der Kutscher auch das Mädel mit auf dem Kutschbock. Er lässt es sich
nicht nehmen und flirtet während der Fahrt mit seiner Begleiterin, während sie
es offenbar genießt auch mal die Zügel in der Hand halten zu dürfen. Abwechselnd
erklären uns die beiden, an welchen Sehenswürdigkeiten wir gerade vorbeifahren
und was es damit auf sich hat. Neben den bekannten Gebäuden lernen wir so auch
das älteste Gasthaus, das erste Café, usw. kennen. Die Fahrt in dem sehr bequemen
Fiaker dauert 40 Minuten und wäre sicherlich noch interessanter gewesen, wenn
der Kutscher sich mehr mit uns als mit seiner Begleiterin unterhalten hätte
- eine Besichtigungstour mit einem Reiseführer wäre sicherlich informativer
gewesen. Aber wir gönnen ihm seinen Feierabend nach einem solch heißen Tag,
was auch für die Pferde eine sichtbare Qual ist.
Der nächste Tag ist ähnlich heiß und wir beschließen nur den Vormittag für Besichtigungen
zu nutzen. Es geht zum Schloss Belvedère. Im Inneren erwartet uns eine Überraschung:
Statt prunkvoller Säle gibt es eine Ausstellung über die Geschichte Österreichs
seit dem 2. Weltkrieg zu sehen. Auch diese Ausstellung ist modern inziniert.
So sieht man eine österreichische Nationalflagge, die sich quasi als roter Faden
durch alle Räume zieht. Es gibt Kurzfilme und Radiomitschnitte zu sehen und
hören. Nach ausgiebiger Besichtigung steht die Sonne bereits hoch am Himmel.
Es ist einfach zu heiß, um sich die Gärten anzusehen. Daher bewegen wir uns
möglichst im Schatten zum unteren Belvedère, wo es Gemälde und Skulpturen zu
sehen gibt. Einige der Räume sind sehr beeindruckend, so gibt es einen Saal
der scheinbar mit purem Gold dekoriert wurde. Als wir wieder nach draußen gehen
ist es Mittag. Wir gehen eine Kleinigkeit essen und verbringen den restlichen
Nachmittag in einem Badeparadies mit Wellenbad, Strömungsbecken, Riesenrutsche
und Jakusi nur auf das Piratenschiff trauen wir uns nicht. Abends gehen wir
bei einem Chinesen essen. Das Sushi ist topp, der in Essig schwimmende Salat
ein ziemlicher Flop.
6. Tour Tag: Wien - Bratislava (Slowakei)
Nach dem einfachen Frühstück satteln wir unsere Drahtesel aufs
Neue und fahren als erstes durch den Prater und über die Donau. Nach ein paar
Kilometern tauchen am Straßenrand Angler und immer mehr badende Nudisten auf.
Wir denken uns nichts dabei und fahren weiter, doch der FKK Strand scheint sich
über Kilometer zu ziehen - schließlich sind wir die einzigen Bekleideten in
einem Meer von Haut. Man ruft uns zu, dass wir falsch wären, doch wir folgen
dem Weg, der auf der Karte eingezeichnet ist. Schließlich nach 5km langen Kilometern
lassen wir die Nudisten hinter uns und fahren am Ufer neben einer Fabrik entlang,
doch bereits nach wenigen hundert Metern ist Schluss - wir sind in einer Sackgasse
und zur Umkehr gezwungen. Aber in diesem toten Wegstück begegnet uns ein interessanter
Exot: Noch ein unbekleideter Mann, der einen Eimer am Bindfaden in die Donau
hinabläßt, um Wasser für Blumen zu schöpfen, die er hier im Niemandsland angepflanzt
hat. Dies ist wirklich bizarrer Anblick in dieser trostlosen Gegend.
Wir fahren wieder zurück zu einer Brücke und überlegen diese zu überqueren,
doch wir sind irritiert, da dieser Weg so nicht auf der Karte eingezeichnet
ist. Während wir also über der Karte brüten werden wir von einem nahtlos gebräunten
älteren Ehepaar angesprochen, die uns erklären, dass der Weg hier schlecht ausgeschildert
ist und wir tatsächlich 2km wieder zurück zu einer Abzweigung müssen. Also geht
es den Weg in der anderen Richtung entlang und dieses mal finden wir den Weg.
Von da ab ist die Route wieder leicht zu finden. Kurz vor der österreichischen
Grenze zwingt uns die sengende Hitze zu einer längeren Pause im Schatten. Wir
halten in einem kleinen Ort bei einer Kirche, ziehen unsere Sandalen aus und
dösen eine Runde. Nach gut einer Stunde werden wir unvermittelt wach als ein
Geländewagen der Grenzjäger hält. Einer der Beamten steigt aus und nähert sich
uns, wobei er die Räder skeptisch beäugt. Ich springe auf, barfuss, und begrüße
ihn mit einem "Grüß Gott". Er verlangt die Ausweispapiere und fragt woher wir
kommen. Während ich das Portemonnaie mit den Papieren heraushole erkläre ich
ihm, dass wir eine Radtour machen und heute bis nach Bratislava wollen. Offenbar
dauert es ihm etwas zu lange und so wiederholt er seine Aufforderung ihm unsere
Papiere zu zeigen. Als er sie hat begutachtet er sie kritisch, doch es ist alles
in Ordnung. Er verabschiedet sich und wirft beim Gehen nochmals einen dunklen
Blick auf unser Gepäck. Wir trinken noch einen Schluck Wasser und machen uns
auf die letzten Kilometer bis Bratislava zurückzulegen.
Auf dem Weg zur Grenze sehen wir viele Soldaten. An der Grenze fahren wir von
der Hauptstraße ab und versuchen an der Straße entlang auf einem Feldweg die
Grenze zu überqueren. Doch das geht in die Hose, denn der Weg beschreibt einen
Bogen und führt uns direkt in die Hände einer Patrouille. Die beiden Soldaten
sind jedoch sehr freundlich und erklären uns, dass wir die Hauptstraße nehmen
müssen. Dort angekommen treffen wir auf ein paar andere Radfahrer und während
wir uns durch die Autoschlange hangeln unterhalten wir uns ein wenig. Die beiden
sind campende Studenten und schier entsetzt, als wir ihnen sagen, dass wir in
Hotels übernachten. Nun, die Vorlieben und Bedürfnisse ändern sich eben mit
dem Alter... Nach der Passkontrolle auf slowakischer Seite trennen sich unsere
Wege. Während wir über die Straße fahren und dem Radweg folgen fahren die beiden
anderen schnurstracks auf die Autobahn zu; leider können wir sie nicht davon
abhalten und hoffen, dass sie ihren Irrtum rechtzeitig erkennen. Die Hitze macht
die letzten Kilometer des Tages zur Qual. Schließlich müssen wir über eine Brücke
und fädeln uns dann in den belebten Straßenverkehr ein. Glücklicherweise sind
die slowakischen Autofahrer uns gegenüber sehr rücksichtsvoll, ganz im Gegensatz
zu den Ungarn, wie wir später feststellen mussten. Das Hotel findet sich relativ
leicht. Genau genommen ist es ein renoviertes sehr schönes altes Wohnhaus. Der
Eingang ist videoüberwacht, der Flur zusätzlich durch einen Bewegungsmelder
gesichert. Nachdem wir unsere Sachen abgeladen und uns frisch gemacht haben,
machen wir uns auf den Weg die Innenstadt von Bratislava bzw. Pressburg, wie
es früher hieß, zu erkunden. Es gibt eine Reihe schöner Gassen und Gebäude zu
sehen, dennoch ist der Kontrast zwischen den Bauten enorm. Man sieht aufwendig
restaurierte Häuser direkt neben maroden Wohnsilos. Bei den Nahverkehrsmitteln
erleben wir eine Überraschung: Es gibt eine U-Bahn und elektrisch betriebene
Busse, die mit Oberleitungen versorgt werden. Wir setzen uns in ein kleines
Café und trinken einen Espresso. Die Bedienung versteht sogar ein wenig deutsch,
so dass die Verständigung relativ unproblematisch funktioniert. Eine Besonderheit
ist, dass zum Espresso Milch serviert wird, die extra berechnet wird. Auf der
Speisekarte findet man sogar beide Positionen: Espresso mit und ohne Milch.
Das Arbeitsleben ist hier etwas ungezwungener so scheint es, denn eine der Bedienungen
sitzt mit ihrem Freund an einem benachbarten Tisch, was uns jedoch erst auffällt,
als er sich verabschiedet und sie unser Geschirr abräumt.
7. Tour Tag: Bratislava - Györ (Ungarn)
Am nächsten Morgen sind wir um 8 Uhr 30 wieder auf der Piste.
Als erstes geht es über die Donaubrücke auf die Südseite und hinter der Stadt
dann wieder zurück auf die Nordseite. Hinter uns ziehen dunkle Wolken auf, doch
uns ist wieder sehr warm. Wir nehmen uns vor, vor den Wolken zu bleiben und
fahren etliche Kilometer geradeaus auf dem Donaudamm. In der Slowakei treffen
wir auf so gut wie kleine Radfahrer, die meisten scheinen sich wirklich auf
die Strecke Passau - Wien zu beschränken. Am Ufer tauchen öfters Holzbeschläge
auf, die sowohl eine Sitzgelegenheit mit Tisch (in einem Stück gefertigt) bieten
als auch einen Schutz vor Regen und Sonne doch glücklicherweise müssen wir heute
nicht davon gebrauch machen. Der Weg wird uns immer wieder von Mövenschwärmen
versperrt, die sich scheinbar auf dem warmen Teerweg sehr wohl fühlen. Doch
den sich nähernden Zweirädern weichen sie dann buchstäblich in letzter Sekunde
aus, um sich dann gleich hinter uns wieder auf den Weg zu setzen. Im Laufe des
Vormittags bekommt Marie Schmerzen an ihrem rechten Fuß, während ich zusehends
Probleme mit meinem Sattel bzw. meinem Hinterteil bekomme. Interessanterweise
hat keiner von uns Muskelschmerzen während der ganzen Tour, obwohl wir relativ
lange Strecken fahren. Dies muss daran liegen, dass wir donauabwärts fahren
und keine Steigungen auf dem Weg haben.
Gegen Mittag nähern wir uns einem riesigen Staudamm. Hier stimmt die Karte leider
nicht mehr, da der Weg auf dem Damm inzwischen für jeglichem Verkehr gesperrt
ist. Wir weichen auf einen Feldweg neben dem Damm aus. Dieser schlängelt sich
durch die Landschaft und es ist unklar, ob er überhaupt irgendwo hinführt. Haben
wir uns verfahren? Doch die Sache geht gut aus. Nach einigen Minuten treffen
wir wieder auf eine kleine Straße, die uns hinauf zur Schleuse führt. Dort überrascht
uns die schiere Flut von Touristen, die sich die Schleuse mit ihren riesigen
Schleusenkammern ansehen. Offensichtlich sind es alles Einheimische. Laut Karte
gibt es direkt auf der anderen Seite der Donau eine Gaststätte. Dort angekommen,
können wir im Umkreis von einem Kilometer kein Haus und auch keine Raststätte
ausmachen und fahren wieder zurück auf die Brücke. Dort finden wir eine Kantine,
die eigentlich für die Arbeiter gedacht ist. Das Küchenpersonal versteht, wenn
überhaupt, nur ein paar Wörter Deutsch, doch ist zuvorkommend und bietet uns
das sehr einfache Essen an. Wir essen einen Krautsalat mit Pommes Frites und
einem panierten, gebackenen Käse (kein Cammenbert). Gestärkt geht es weiter
der Donau entlang bis wir zur Grenzbrücke zwischen der Slowakei und Ungarn kommen.
Auf slowakischer Seite ist kein Grenzposten auszumachen, auf der ungarischen
Seite werden wir jedoch durch Grenzbeamte gestoppt und kontrolliert. Bei Maries
Personalausweis fangen die Beamten an zu diskutieren. Das Problem ist, dass
auf dem Ausweis nur das Ausstellungsdatum vermerkt ist und in französisch in
einem Satz vermerkt ist, dass der Ausweis zehn Jahre gültig ist. Der Beamte
sieht also nur das Ausstellungsdatum und sagt, der Ausweis sei seit 2000 abgelaufen.
Glücklicherweise versteht seine Kollegin ein wenig französisch und wir können
passieren. Kaum sind wir auf ungarischer Seite wird uns klar, dass Radfahrer
hier Seltenheitswert haben.
Die Beschilderung der Wanderroute ist mangelhaft, der Weg schlichtweg eine Katastrophe.
Wir rollen über einen groben Schotterweg bei dem wir ständig am schliddern sind.
Schließlich treffen wir in einem Dorf wieder auf eine asphaltierte Straße und
orientieren uns anhand der Karte bis nach Györ. Dort angekommen gehen wir unserer
Routine nach und machen uns auf in die wunderschöne Innenstadt. Im "Mozart Café"
trinken wir einen aromatisierten Kaffee und genießen dazu ein Stück Schokoladenkuchen.
Dieser ist allerdings dermaßen schwer, dass ich mein Stück nicht aufessen kann
- ganz zur Freude von Marie. Auf dem Rückweg machen wir Halt in der Nähe unserer
Unterkunft, trinken eine Kleinigkeit und ich bestelle mir von der Karte eine
Pizza. Marie ist noch gut gesättigt von ihrem Kuchen. Wir staunen nicht schlecht
als kurze Zeit später hält ein Pizzalieferant und mit einer Pappschachtel in
der Hand in die Küche verschwindet. Keine zwei Minuten später wird meine Pizza
serviert.
Die Erfahrungen des letzten Tages bestätigen sich heute wieder.
Es gibt zwar Schilder, die den Radweg markieren, doch unglücklicherweise nicht
an den entscheidenden Stellen bzw. Abzweigungen. Laut Karte hätten wir ein paar
Kilometer mehr auf Nebenstraßen fahren können, bevor wir auf die Bundesstraße
nach Tata stoßen. Die Strecke ist sehr anstrengend. Es gibt keinen Radweg und
die Auto- und Lastkraftfahrer überholen uns in einem Abstand von nur wenigen
Zentimetern. Wir sind nur froh, dass die Fahrradtaschen soweit herausragen.
Maries Fuß wird immer schlimmer und mein durchgesessener Sattel vermittelt mir
mehr und mehr den Eindruck direkt auf einem Stahlrohr zu sitzen. Die relativ
kurze Tagestour wird zu einer Tortour und wir kommen fix und fertig in Tata
an. Unsere Unterkunft ist ein sehr schönes Hotel, dass derzeit umgebaut bzw.
erweitert wird. An der Rezeption ist glücklicherweise eine junge Frau, die deutsch
spricht und so erklären wir die Situation und fragen nach einem deutschsprachigen
Arzt. Sie erklärt uns den Weg zum nahe gelegenen Krankenhaus und wir machen
uns ohne unsere Fahrräder auf. Dort angekommen fragen wir am Empfang nach einem
Arzt. Da die Dame hier nur ungarisch spricht behelfen wir uns mit Hand- und
Fußzeichen. Ihrem Arm folgend gehen wir in einen Flur und suchen nach der Ambulanz.
Die Tür steht glücklicherweise offen und ein freundlicher Arzt winkt uns herein.
Er spricht ein paar Brocken englisch und wir können uns ausreichend verständigen.
Nach kurzer Untersuchung erkennt er das Problem, empfiehlt uns eine Salbe (indem
er uns ein Werbeprospekt zeigt) und verordnet mindestens drei Tage Ruhe und
kein Fahrradfahren. Die Tour ist vorbei! Bei der Frage, was wir ihm für seine
Dienstleistung schulden winkt er lächelnd ab und meint es sei der Rede nicht
wert. Wir sind überrascht, so etwas würde es in Deutschland nicht geben. Also
bedanken wir uns recht herzlich und verabschieden uns.
Der Besuch in der Apotheke wird zu einem interessanten Erlebnis, denn in Ungarn
ist der Tresen komplett verglast. Es gibt zwei Schalter: der eine für die Kasse
und der andere für die Warenausgabe. Wieder im Hotel angekommen lassen wir über
die Rezeption unsere Reservierung in Esztergom absagen und verlängern unseren
Aufenthalt um einen Tag. Am Abend setzen wir uns in den Garten eines netten
Restaurants. Alles stimmt - das Essen, das Ambiente, der Preis - und dennoch
können wir den Abend nicht genießen, da mit der untergehenden Sonne auch Unmengen
von Mücken kommen und über uns herfallen. Am nächsten Tag unternehmen wir alles
zu Fuß. Zuerst geht es zum Bahnhof, um Karten nach Budapest zu besorgen, nachdem
wir von nun an auf das Fahrrad verzichten müssen. Auf dem Weg dorthin kommen
wir an einem Werkzeugladen vorbei. Wir gehen hinein und suchen nach einer einzelnen
kleinen Schraube mit Mutter, um Maries Fahrradtasche, an der sich eine Niete
gelöst hat, zu reparieren. Es ist ein wahres Bastlerparadies, denn man bekommt
die Artikel alle einzeln. Das beste ist allerdings der Preis. Wir zahlen gerade
mal 8 Cent für die Schraube. Am Bahnhof angekommen studieren wir den Fahrplan
und das Wörterbuch. Nachdem ich mir einigermaßen sicher bin gehe ich zum Schalter
und kaufe zwei Fahrkarten für uns und die Räder. Es ist nicht ganz leicht, da
die Dame am Schalter nur ungarisch spricht und die Wörter keinerlei Ähnlichkeiten
mit Deutsch, Englisch oder Französisch haben. Wer kommt z.B. schon darauf, dass
Fahrrad "kerepar" heißt? Aber es klappt. An den Fahrkarten fällt auf, dass man
nicht wie in anderen Ländern eine Karte von A nach B kauft, sondern einen Kilometerpreis
entrichtet, d.h. mit der Karte können wir 80km weit fahren.
Am Nachmittag entschließen wir uns ins 4km entfernte Schwimmbad zu gehen. Wir
haben anfangs Schwierigkeiten die Umkleidekabinen ausfindig zu machen bzw. wo
der Eingang für Männer und Frauen ist. Ohne Wörterbuch ist man da echt aufgeschmissen.
So entscheide ich mich schließlich mich auf der Toilette umzuziehen (leider
gibt es gerade an den Toiletten Symbole und an der Umkleidekabine Wörter, so
dass man nicht assoziieren kann). An dem sonnigen Tag ist das Bad sehr gut besucht
und wir verbringen die Zeit mit planschen und lesen. Am Folgetag fahren wir
die kurze Strecke zum Bahnhof mit dem Rad. Dort bringt uns ein Passant ins Grübeln,
weil er strikt behauptet, dass der Zug von einem anderen Gleis fahren würde,
als im Fahrplan vermerkt. Nach Rückfrage bei einem Bahnangestellten stellt sich
heraus, dass der Plan korrekt ist und wir begeben uns auf das Gleis. Dies ist
jedoch nicht ganz leicht, denn man gelangt nur über eine Fußgängerbrücke dorthin.
Da Marie mit ihrem Handicap kaum laufen kann wuchte ich die Räder und das Gepäck
hinauf und hinunter, was in allem gut eine Viertelstunde dauert. Der Zug kommt
tatsächlich auf dem richtigen Gleis an und wir hieven die Räder in den an einen
Güterwagen erinnernden Fahrradwaggon. Das Gepäck werfen wir hinterher und springen
hinein als der Zug auch schon wieder anfährt. Auf geht's zur Hauptstadt Budapest.
Am nächsten Tag wollen wir uns mit Istvan, einem Exkollegen von mir treffen, doch er erscheint nicht zum vereinbarten Treffpunkt. Weder per Telefon noch per Email ist er erreichbar. Wie sich nach unserer Rückkehr herausstellt hatte er eine Grippe und kurierte sich bei seiner Mutter aus. Dummerweise hatte der Akku seines Handys gerade die Gretsche gemacht - schade! Somit gehen wir auf eigene Faust auf Entdeckungstour und stoßen auf eine Kuriosität: Ein Labyrinth unter der Stadt. Nachdem wir mit einem kleinen Disput den Eintritt entrichtet haben (laut Katalog gibt es eine Ermäßigung, die jedoch nichtig wird, da es heißt, dass die Preise im Katalog veraltet seien), betreten wir eine bizarre Welt. In dem Labyrinth sind vor allem moderne Bildhauereien ausgestellt und jeder Raum ist mit einer eigenen sphärischen Musik untermalt. Auf diese Weise wird wirkt das Ganze sehr skurril und spannend - wirklich lohnenswert! Am zweiten Tag gehen wir in die Markthalle, in der Kleinhändler alle Arten von Waren darbieten. Wie überall auf der Welt ist es solchen Orten immer sehr interessant zu sehen, welche Gewürze, Speisen und handwerkliche Produkte angeboten werden. Wieder hat es heftig zu regnen begonnen. Wir "schlagen" uns von Häuserblock zu Häuserblock und finden schließlich Unterschlupf in einer kleinen Gaststätte, in der wir uns ein Gulasch bestellen, um uns wieder ein wenig zu regenerieren. Das Gulasch ist deftig und schmeckt herzhaft. Wir essen unseren Teller brav leer und trinken zum Abschluss einen Tee. Das Wetter belohnt uns mit einer Regenpause. Also machen wir uns wieder auf und reservieren uns Plätze für eine Stadtbesichtigung per Bus am nächsten Tag. Kaum haben wir es geschafft, kommt der nächste Wolkenguss. Es ist unglaublich, wie viel Wasser vom Himmel fällt. Wir versuchen uns per U-Bahn und Bus wieder zum Hotel durchzukämpfen. Die U-Bahn befindet sich weit unter der Erde, so dass die Rolltreppen sehr hoch sind. Mich persönlich haben die Rolltreppen erschreckt, da diese sehr steil sind und sehr schnell laufen. Das Ganze wirkt im Vergleich zu den Rolltreppen, die wir aus Deutschland kennen zudem sehr betagt.
Am Abend hat sich das Wetter wieder beruhigt und wir gehen Essen in einer Brauerei. Dort gibt es Bier aus eigener Herstellung, welches auch sehr gut schmeckt. Die Preise sind allerdings gesalzen, trotz der Reduktion, die wir mit unseren Karten erhalten. Wie an so vielen Stellen haben wir wieder den Eindruck in eine "Touristenfalle" getappt zu sein. In der ganzen Stadt fühlt man sich als Tourist immer über den Tisch gezogen. Als ich vier Jahre zuvor in Budapest war, hatte ich noch nicht dieses Gefühl. Am dritten Tag suchen wir mit einigen Schwierigkeiten die Abfahrtstelle des Busses. Schließlich haben wir Erfolg und machen eine zweistündige Stadtrundfahrt, die sehr interessant ist. Im Anschluss folgt eine Besichtigung des Parlaments und Dank der Reiseführerin müssen wir nur 15 Minuten am Eingang warten. Wie wir erfahren, müssen die Individualbesucher mit unter Stunden lang anstehen und beim Betreten des Parlamentgebäudes hören wir, dass der Zugang dermaßen begrenzt ist, dass nicht alle wartenden Besucher heute erfolg haben werden. Unsere Gruppe wird von zwei Sicherheitsleuten begleitet, die darauf achten, dass wir zusammenbleiben. Trotz eigener Reiseführerin erhalten wir einen Führer, der uns durch die Räume geleitet. Ist das äußere des Parlamentes bereits beeindruckend, so ist das Innere überwältigend. Die Räume sind prunkvoll, etwa wie man es von Schlössern oder bayrischen Kirchen her kennt. Es gibt Fresken an der Decke zu sehen, auf denen sich Szenen des Staatsgeschäftes erkennen lassen - allerdings von vor 100 Jahren, niemand trägt einen Anzug. Sogar die echten Kronjuwelen bekommen wir aus nächster Nähe zu Gesicht. Die Besichtigung fällt insgesamt mit 20 Minuten zwar relativ kurz aus, allerdings sollte jeder, dem sich die Gelegenheit bietet, davon profitieren. Am nächsten Morgen packen wir unsere Sachen und machen uns samt der Räder auf zum Bahnhof. Mit einigen Verständigungsschwierigkeiten besorge ich zwei Karten für uns und die Räder zum Balaton. Es gibt einen Schnellzug, der auf direktem Wege dort hinfährt, jedoch finden sich keine Angaben zur Fahrradmitnahme. Also frage ich am Schalter nach und man versichert mir mehrfach, dass die Fahrradmitnahme möglich sei. Der Zug ist bereits eine Stunde vor der Abfahrt bereitgestellt und wir halten Ausschau nach einem Gepäckabteil o.ä., welches es jedoch nicht gibt. Nur die Eingangsbereiche bieten Platz für die Räder, versperren dann jedoch die Durchgänge. Zweifel kommen auf und ich frage mich, ob der Mann am Schalter mich wirklich verstanden hat. Wir steigen in den ersten Waggon direkt hinter der Lok ein und befestigen die Räder an der Stirnseite, so dass niemand behindert wird. Kurze Zeit später sehen wir, dass auch andere versuchen ihre Räder im Zug unterzubringen, was uns dann ein wenig beruhigt. Als dann später auch der Schaffner nicht ein Wort darüber verliert, sind wir eine Erfahrung reicher und erstaunt, was es nicht alles gibt. Wer in Deutschland würde klaglos akzeptieren, dass die Durchgänge im Zug mit Rädern blockiert sind? Und so machen wir uns auf zur letzten Etappe. Es erwarten uns vier Tage faulenzen.
In Zamardi angekommen erweist sich der Ausstieg mit den Rädern als sportlich, da es keinen Bahnsteig gibt, wodurch 1,5 Meter Höhe zu überwinden sind. Das Hotel finden wir schnell. An der Rezeption werden wir in einem Wiener Deutsch begrüßt und erfahren, dass der Hotelier mit seiner Frau viele Jahre in Wien gearbeitet und dort auch die Sprache gelernt hat. Das Hotel ist von ihnen frisch erworben und wir zählen zu den ersten Gästen. Das Mobiliar ist nicht mehr das Neueste, aber die Zimmer sind korrekt. An Freizeitangeboten mangelt es nicht: Es gibt einen Tennisplatz, einen Tischtennis- und einen Billardtisch, im Keller gibt es ein wunderschönes Schwimmbad und man kann sich massieren lassen (ein Massageraum steht zur Verfügung; eine Masseuse kommt auf Bestellung). Gleich am ersten Tag probieren wir das urige Schwimmbad, dass von Rundbögen aus rotem Ziegelstein umfasst ist, aus. Am zweiten Tag gehen wir am Balaton spazieren. Auf dem Weg sehen wir viele Ferienhäuser, die von Deutschen und Ungarn bewohnt sind; andere Nationen sind hingegen selten vertreten. Es spricht uns ein Einheimischer an und versucht uns ein Zimmer zu vermitteln; relativ hartnäckig versucht er sogar uns das Hotelzimmer auszureden, doch wir lehnen ab. Der Weg führt uns bis zur Fähre und wir beschließen am nächsten Tag eine kleine Fahrradtour zu versuchen. Am Abend gönnen wir uns eine Massage, die von einer stämmigen Ungarin praktiziert wird. Wie geplant geht es am folgenden Morgen mit den Rädern los. Dieses Mal nehmen wir die Fähre und überqueren die schmalste Stelle am Balaton hinüber zur Halbinsel Tihany. Wir fahren die Küste entlang und es kommt ein kräftiger Gegenwind auf. Noch bevor wir das Festland erreichen sind wir zur Umkehr gezwungen - zu stark sind Maries Schmerzen im Fuß und auch mein Sattel bereitet mir inzwischen Höllenqualen, er ist definitiv hinüber. Zurück in Zamardi gehen wir ans Ufer und mieten uns an zwei Tagen ein Tretboot, das wir kurzerhand in eine Badeinsel umfunktionieren. Es ist herrlich, weit ab vom Strand ungestört ins 1,60m tiefe Wasser zu springen oder sich einfach in der Sonne auszustrecken und die Füße ins Wasser zu tauchen. Zwischendurch picknicken wir ein wenig und dann geht es auch schon wieder zurück ans Ufer. Am Balaton erholen wir uns von der strapaziösen Tour und spielen auch mal eine Partie Billard. Doch leider kommt das Ende sehr schnell und wieder heißt es die Sachen zu packen. Es beginnt die Heimreise, die sich über drei Tage erstrecken wird.
Und Zurück
Auf der Rückfahrt hat der Zug ein Gepäckabteil, in dem wir die Räder abstellen
können; wir selbst sitzen nebenan und lassen die Tür auf, so dass wir die Räder
und die Fahrradtaschen sehen können. Nach zwei Stationen steigt ein windiger
Geselle hinzu, der durch die Wagen schlendert bis hin zum Gepäckabteil. Dort
angekommen macht er die Tür zu. Uns kommt das komisch vor. Also gehe ich ebenfalls
ins Gepäckabteil und setze mich bei den Rädern auf den Boden. Der andere Typ
hängt in einer Ecke herum und wird sichtlich nervös; schließlich verlässt er
das Abteil wieder. Um sicher zu gehen bleibe ich bei den Rädern. Die Fahrt verläuft
ruhig, bis wir 20km vor Budapest unvermittelt anhalten. Es dauert eine Weile,
bis wir aufschnappen, dass die Lok einen Motorschaden hat. Die Versuchung ist
groß, sich die Räder zu schnappen und den Rest der Strecke zu radeln, doch die
schmerzhaften Erinnerungen vom Balaton sind noch nicht verblasst und uns fehlt
zudem eine Karte der Region. Wir bleiben im Zug und bereits nach drei Stunden
kommt eine Ersatzlok herbei, so dass die Fahrt weiter gehen kann. In Budapest
angekommen gehen wir wieder ins Hotel, indem wir schon vor vier Tagen waren.
Dieses Mal nehmen wir ein Zimmer zum Innenhof, das zwar teurer, aber auch ruhiger
ist, so dass wir nachts die Fenster öffnen können. Seit unserem letzten Aufenthalt
habe ich fleißig einen ungarischen Satz gelernt und frage an der Rezeption in
fließendem ungarisch "Zimmerschlüssel 96, bitte". Man schaut mich ganz erstaunt
an und ich erhalte tatsächlich den gewünschten Schlüssel.
Am nächsten Morgen packen heißt es wieder die Sachen packen und früh zum Hafen
zu radeln. Die Rückfahrt nach Wien soll in einem Tragflügelboot stattfinden.
An der Ablegestelle angekommen sehen wir eine Menge Fahrgäste und andere Radfahrer.
Es herrscht Hochbetrieb. Die Gepäckstücke und Räder müssen beschriftet werden
und wir müssen aufpassen, dass unsere Sachen auch korrekt verladen werden. In
dem Trubel spielt ein älterer Herr auf einer Fidel und bittet um Geld. Als ihm
niemand etwas gibt, auch wir nicht, und ihm klar wird, dass er ganz umsonst
früh aufgestanden und gespielt hat, wird er sogar handgreiflich, packt mich
an der Schulter und hält mir die Hand vor die Augen, um noch etwas Bares zu
erlangen. Dies wiederum motiviert uns noch weniger seinen Wünschen nachzukommen
und wir gehen in das Gebäude, um die wartende Schlange etwas zu verlängern.
Nach einiger Wartezeit geht es durch den Zoll und dann aufs Schiff. Es wirkt
ein wenig wie in einem Flugzeug, nur hat man mehr Platz. Wie man an den Schwimmwesten
erkennen kann, ist das Schiff russischer Herkunft und bereits seid über 30 Jahre
alt. Mit zwei Tragflüglern geht es die Donau hinauf. Kaum sind wir aus unmittelbarer
Stadtnähe hinaus, werden die Motoren hochfahren und das Boot hebt sich aus dem
Wasser. Mit 70 km/h jagen wir über den Fluss und überholen andere Schiffe, als
würden sie stehen; selbst Sportjachten haben keine Chance. Der Weg führt uns
auch zur Schleuse in der Slowakei, auf der wir vor einer Woche noch Mittag gegessen
haben. Erst in der Schleuse kann man die Ausmaßen richtig erkennen: Die beiden
Tragflügelboote wirken wie Spielzeug in der Badewanne. Hier hätten sicher ein
Dutzend Boote dieser Größe problemlos Platz. In der Kabine kann man grob erkennen,
wo man sich gerade befindet, ähnlich wie bei einem Langstreckenflug. Nach etwa
fünf Stunden kommen wir in Wien an. Dort geht es nochmals durch den Zoll und
die Passkontrolle.
Nachdem auch dieses Prozedere durchgestanden ist, beladen wir wieder unsere
Räder und machen uns auf den nicht ganz leichten Weg durch die Wiener Innenstadt
zum Bahnhof - die Autofahrer sind alles andere als zu beneiden, bei all den
Einbahnstraßen. Wir kommen über eine Stunde vor der Abfahrt unseres Zuges an
und sehen, dass wir sogar noch eine frühere Verbindung nach Linz nehmen können,
wodurch wir mehr Zeit zum Umsteigen gewinnen. allein die Platzreservierung geht
flöten. Während man in Deutschland die Räder selbst im Zug rangiert, wird dies
in Österreich ausschließlich durch das Zugpersonal erledigt - man fährt das
Rad nur zum Gepäckabteil, wo es dann in Empfang genommen wird. In Linz angekommen
reicht uns der Schaffner die Räder herunter. Kaum haben wir unsere Räder in
Händen, brüllt er, ob ihm mal jemand zur Hand gehe, da noch zwei weitere Räder
hier raus müssen. Niemand der anwesenden Radfahrer reagiert, also nehme ich
die beiden letzten Räder in Empfang und stelle sie an dem Geländer ab. Nachdem
unsere Räder beladen sind, stehen die beiden Räder immer noch herrenlos herum.
Also frage ich, wem die Räder gehören. Alle verneinen und ich male mir aus,
wie die beiden Besitzer nichts ahnend im Zug sitzen. So spreche ich das Personal
am Bahnsteig an, der jedoch ist äußert unfreundlich und will nicht belästigt
werden. Bei dem Hinweis: "Tschuldigung, aber ich möchte Ihnen ja nur Ärger ersparen."
wird er zwar stutzig, verzieht sich dann aber. Inzwischen rollt der Zug bereits
wieder an und ich starte einen 2. Versuch beim Schaffner, der die Räder herausreichte.
Doch auch hier zeigt sich nur Desinteresse und er schließt die Wagentür. Das
kann doch nicht wahr sein! Da wir noch etwas Zeit haben gehen wir in die Bahnhofshalle,
wo wir ein paar Kleinigkeiten zum Futtern besorgen und ich versuche es ein letztes
Mal am Schalter. Hier ist man etwas freundlicher und versichert mir das zu überprüfen.
Keine fünf Minuten später stehen wir auf unserem Gleis zum Zug nach Passau und
können die Räder auf dem anderen Gleis nicht mehr sehen. Hat die nun jemand
abgeholt, oder sind die Räder geklaut worden? Leider haben wir es nie erfahren.
In Passau angekommen sind wir ein wenig fertig. Auch hier übernachten wir in
derselben Unterkunft wie bei der Herfahrt. Am nächsten Tag schließlich geht
es mit dem Zug endlich heimwärts Richtung Frankfurt. Dort angekommen haben wir
keine Muße mehr das letzte Stück zu radeln und so hangeln wir uns über die Rolltreppen
auf das S-Bahngleis und nehmen die S6 in Richtung Karben.
Wie im letzten Jahr noch ein paar Zahlen: In den drei Wochen haben wir alles in allem 635 Kilometer auf den Drahtesel zurückgelegt und ich habe in der Zeit etwas mehr als ein Buch mit insgesamt 1100 Seiten gelesen, weil mir der Lesestoff ausgegangen ist. Allerdings haben wir uns geschworen nie wieder eine Tour zu machen, bei der wir soviel mit der Bahn fahren. Räder sind zum Rad fahren da, in der Bahn sind sie einfach nur Ballast.